Thema:

Interview

„Wir wollen Biologie screenbar machen“

Zellbasierte Assays und das damit verknüpfte Feld der chemischen Biologie werden immer wichtiger, um biologische Prozesse oder Krankheiten grundlegend zu verstehen. Im April erhielt die vom Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie koordinierte EU-Infrastruktur EU-Openscreen die langfristige Förderzusage der Bundesregierung. In der Initiative bündeln vorhandene Screening-Zentren in Europa ihre Ressourcen für das Substanzscreening. Gesucht werden Substanzen, die in zentrale biologische Vorgänge eingreifen und ein vertieftes Verständnis davon vermitteln, wie etwa Krankheiten entstehen, Pflanzen wachsen oder Zellen sich differenzieren. LABORWELT sprach mit Dr. Ronald Frank, dem Koordinator von EU-Openscreen, über die Ziele der Initiative und wie sie erreicht werden sollen.

Ronald Frank

LABORWELT:

Wofür steht EU-Openscreen und was sind die Ziele der Initiative?

Frank:

EU-Openscreen ist ein Netzwerk von europäischen Screening-Zentren und Experten für chemische Biologie, die gemeinsam eine Sammlung von 200.000 bis 300.000 Substanzen aufbauen und in Screenings benutzen wollen, um biologische Vorgänge besser zu verstehen. Die Substanzen werden von Europäischen Experten nach verschiedensten Kriterien aus kommerziellen und akademischen Quellen ausgewählt sowie von Chemikern bereitgestellt. Die Sammlung soll Informationen über die biologische Wirkung von Substanzen auf verschiedenste biologische Systeme liefern.

Anders als zum Beispiel die European Lead Factory schauen wir nicht nur auf Arzneimittelkandidaten, sondern es geht auch um Agrar- und Umweltforschung – also alles, wo Biologie und Chemie zusammenkommen. Als Initiative des European Strategy Forums on Research Infrastructures (EFSRI) ist es das Ziel von EU-Openscreen, sogenannte Toolsubstanzen bereitzustellen und ihre Wirkung in einer Datenbank zu erfassen. Die Toolsubstanzen sollen helfen, das grundlegende Verständnis biologischer Prozesse zu verbessern. EU-Openscreen setzt damit einen Schritt vor verwertungs- und IP-orientierteren Initiativen an, wie der in diesem Jahr gestarteten European Lead Factory oder der Alliance of Translational Research Centres. 

LABORWELT:

Inwieweit kann denn ein so offener Ansatz zum Technologietransfer beitragen?

Frank:

Wir sehen in vielen Fällen, dass die Translation in Sackgassen landet. Unserer Meinung nach liegt das daran, dass das Wissen darüber, wie Sub­stanzen auf biologische Vorgänge wirken, noch viel zu begrenzt ist. Ein tieferes grundlegendes Verständnis über die Wirkung und Toxizität von Substanzen auf Mensch und Umwelt hilft besser, das Risiko eines teuren Scheiterns in später Entwicklungsphase zu verkleinern, als es im Geheimen immer wieder mit dem gleichen Ansatz zu versuchen.

Wenn wir erst einmal grundlegende Prinzipien besser verstehen, wird es möglich sein, mit weniger Entwicklungskandidaten eine bessere Erfolgsrate zu erzielen. Deshalb wollen wir die breite Biologie screenbar machen. Ein wichtiges Mittel dazu ist auch das High Content-Screening (HCS) mit zellbasierten Assays.

LABORWELT:

Das Projekt steckt schon mitten in der mit 3,7 Mio. Euro von der Europäischen Kommission geförderten Vorbereitungsphase … 

Frank:

Die Vorbereitungsphase läuft noch bis 2015. Dann wird EU-Openscreen die eigens von der Kommission geschaffene Rechtsform ERIC annehmen und – finanziert von den EU-Mitgliedstaaten, deren Unterschriften wir derzeit einsammeln – die Arbeit aufnehmen. Wir werden an voraussichtlich acht Screeningzentren mit einer wöchentlichen Kapazität von 200.000 Substanzen screenen, um das gesamte Wirkspektrum inklusive neuer Effekte und Nebenwirkungen zu erfassen. Standards, die eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse und Daten gewährleisten, werden derzeit in einem eigenen Arbeitspaket etabliert. 

LABORWELT:

Wieviel Geld brauchen Sie denn pro Jahr?

Frank:

Um die aus dem deutschen ChemBioNet hervorgegangene Infrastruktur am Leben zu halten, brauchen wir etwa 2,5 Mio. Euro jährliche Betriebskosten. Dazu kommen natürlich die Projekte , die wir mit mindestens 10 Mio. Euro pro Jahr veranschlagen. Diese müssen aus verschiedenen Quellen finanziert werden. Wir hoffen aber, dass sich viele EU-Länder an sogenannten Project Calls beteiligen. Insgesamt erwarten wir europaweit eine jährliche Auslastung von etwa 200 Projekten, von denen mindestens 50 von solchen EU-OPENSCEEEN-spezifischen Calls finanziert werden sollten.

LABORWELT:

Werden Sie auch die Entwicklung neuer Methoden vorantreiben?

Frank:

Wir stimulieren die Entwicklung neuer Methoden im wissenschaftlichen Umfeld der der beteiligten Zentren und Partnerinstitute, haben aber kein eigenes Budget, um eine Methodenentwicklung durchzuführen. Wir suchen aber den Austausch mit Entwicklern, Verbrauchsmittel- und Reagenzienherstellern sowie Biotech-Unternehmen.

Dr. Ronald Frank 
Koordinator von EU-OPENSCREEN am Leibniz Institut für Molekulare Pharmakologie (FMP) in Berlin
frank[at]fmp-berlin.de

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Ausgabe 3/2013

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http://www.laborwelt.de/spezialthemen/zell-assays/eu-openscreen.html

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