Matthias Tschöp: Ans Steuerrad des Stoffwechsels
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Porträt

Matthias Tschöp: Ans Steuerrad des Stoffwechsels

Sein Name eignet sich denkbar schlecht, um auszuwandern, gibt Matthias Tschöp zu. Während seiner elf Jahre als medizinischer Forscher im Mittleren Westen der USA hörte er eine Menge kreativer Varianten. „Meist klang es wie Chop oder Chirp.“ Doch der Mediziner hackt eher auf der Tastatur, und zwitschern geschieht elektronisch. Als einer der weltweit führenden Experten für Insulinresistenz ist er dabei, ein großes biochemisches Rätsel zu lösen. Wie steuert der Körper die Nahrungsverwertung?

Und wie kann man Fehler korrigieren, die etwa zu Diabetes Typ 2 oder Adipositas führen? Mit einer Humboldtprofessur im Rücken – der ersten für einen Mediziner überhaupt – sucht Matthias Tschöp seit Oktober 2011 an der Technischen Universität und dem Helmholtz Zentrum in München nach weiteren Teilen dieses komplexen Stoffwechselpuzzles. Aber zunächst muss der 45-Jährige seine Kinder vom Kindergarten abholen.

„Meine Frau spricht auf einer Konferenz in Berlin über die geschlechtsspezifische Medizin der Zukunft“, erzählt er gutgelaunt am Telefon. „Das männliche Geschlecht kümmert sich in München derweil um die Familie.“ Seine bessere Hälfte lernte Tschöp in der Zeit als Assistenzarzt an der Universitätsklinik der bayerischen Landeshauptstadt kennen. Das war kurz vor seiner Abreise in die USA. Gemeinsam wagte das Paar den Sprung über den Ozean, wo Tschöp als Postdoc in die Diabetesforschung beim Pharmaunternehmen Eli Lilly einstieg.

Eine ungewöhnliche Kooperation

Tschöps Frau, die als Medizinerin ebenfalls an den Ursachen von Diabetes arbeitet, entschied sich bei aller Liebe allerdings für ein urbaneres Umfeld und ging an die Rockefeller Universität in New York. Tschöp erlitt weiter im Westen erst einmal einen Kulturschock:„Alles flach, alles Corporate, und politisch sehr korrekt“. Die Arbeit mit Mark Heiman an den Hormonen Ghrelin und Leptin war aber so produktiv, dass die Anfangswehen bald vergessen waren. Leptin wird im Körper hauptsächlich von Fettzellen gebildet, Ghrelin in Magen. Beide Signalstoffe wirken aber hauptsächlich im Gehirn und sind dort wichtige Regulatoren des Hungergefühls. Sie spielen also bei Diabetes und Adipositas eine entscheidende Rolle. Der junge Wissenschaftler veröffentlichte am laufenden Band in sogenannten„high-impact journals“ und entwickelte sich zu einer Kapazität auf dem Feld des energetischen Stoffwechsels.

Nach drei Jahren in Indianapolis ging Tschöp an das Deutsche Institut für Ernährungsforschung nach Potsdam. Dort hielt es ihn allerdings nur ein Jahr, 2004 war er wieder zurück im Mittleren Westen, nun als Professor am Institut für Stoffwechselerkrankungen der University of Cincinnati. Dort ergab sich eine Zusammenarbeit mit dem Chemiker Richard diMarchi, die bis heute außerordentlich reiche Früchte trägt. „Wir kannten uns von Eli Lilly, und da Richard nun an der Universität von Indianapolis forschte, lagen unsere Labore plötzlich nur noch zwei Autostunden voneinander entfernt“, sagt Tschöp.

Diese Zusammenarbeit will Tschöp auch in München fortsetzen. Warum er zurückgekommen ist? „Das Dreifachangebot von der Technischen Universität München, dem Helmholtz Zentrum und der Humboldt-Professur war zu gut, um es abzulehnen“, sagt er. Die bayerische Küche trägt ebenfalls einen kleinen, aber gewichtigen Teil bei. „Oh ja, Leberkässemmeln sind was Feines, ich habe seit meiner Rückkehr im Oktober schon ein paar Pfunde zugelegt“, fügt er lachend hinzu. Die nahen Alpen sind ein weiterer Anziehungspunkt. Tschöp war fünfzehn Jahre lang Mitglied der Bergwacht am Tegernsee.„Normalerweise kooperieren Chemiker und Biologen im Gebiet der Stoffwechselerkrankungen nicht so viel miteinander. Auch bei uns hat jeder erst mal eine andere Sprache gesprochen, aber jetzt funktioniert es richtig gut.“ So gut, dass sich mittlerweile mehrere gemeinsam entwickelte Peptide zur Behandlung von Diabetes und Adipositas in der klinischen Prüfung befinden.

Sehnsucht nach Neuem - Rückkehr zum Alten

Im Rückblick wirkt die Karriere des Mediziners wie aus einem Guss. Das erstaunt ihn selbst. „Ich hatte eigentlich immer Pläne, die völlig anders waren als das, was schließlich dabei herauskam“, sagt Tschöp. Zunächst wollte er Physik studieren, bekam aber recht schnell mit, dass „diese unglaublich schlauen Menschen nichts anderes tun, als den ganzen Tag vor Bildschirmen mit Zahlenreihen zu sitzen“. Das trieb ihn zur Medizin, die näher am Menschen schien.

Tschöp liebt das Neue, ein Grund dafür, warum er keine Angst vor Veränderungen hat, sei es im Studienfach oder im Land. Doch in gewisser Hinsicht ist diese Offenheit die Konstante in seinem Leben, die ihn wieder dorthin gebracht hat, wo er als Physik-Erstsemester einmal gestartet ist. Als Leiter des Instituts für Diabetes und Adipositas am Helmholtz-Zentrum München und als Professor für Diabetesforschung/Insulinresistenz an der Technischen Universität München „sitze ich einen beträchtlichen Teil des Tages vor dem Bildschirm und studiere Zahlrenreihen“, sagt er und lacht. „Am Ende war es eben doch die Forschung.“ Und der Mensch. „Ich wünsche mir, dass hoffentlich eines unserer neuen Medikamente, über die Beeinflussung von Signalwegen einmal Menschen mit Stoffwechselerkrankungen hilft.“ Das ist das Ziel „für die nächsten 25 Jahre, wenn alles klappt.“ Aber jetzt muss er wirklich die Kinder abholen.Als Student war er eine ganze Zeit lang überzeugt, er wird Tropenmediziner. Nach ein paar Aufenthalten in Afrika gab er diesen Plan allerdings auch wieder auf. Tschöp tendierte dann zur Psychiatrie, das Gehirn bot genug Raum für neue Entdeckungen. Von dort war es nur ein kleiner Schritt zur Neuroendokrinologie, denn Hormone wie etwa Leptin wirken auch und vor allem in der Steuerzentrale des Körpers.

www.biotechnologie.de / Christoph Mayerl

http://www.laborwelt.de/menschen/portraets/matthias-tschoep-ans-steuerrad-des-stoffwechsels.html

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