Hanns Hatt: Nicht nur mit der Nase riechen
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Porträt

Hanns Hatt: Nicht nur mit der Nase riechen

Hanns Hatt verblüffte vor einigen Jahren mit der Neuigkeit, dass Spermien von Maiglöckchenduft angezogen werden. Hatt ist Experte auf dem Gebiet der Duftforschung und weiß, dass der Mensch nicht nur mit der Nase riecht, sondern auch in vielen Organen Riechrezeptoren besitzt.

Die Schmetterlinge haben Hanns Hatt zu den Riechrezeptoren gebracht. Als Jugendlicher hatte er eine große Sammlung der bunten Falter aufgebaut, „mehrere Räume voll“, erinnert er sich. „Damals war die Natur noch ein bisschen vielfältiger als heute“. Eine Expertise, die plötzlich gefragt war, denn Hatts Professor, der bekannte Verhaltensforscher Konrad Lorenz, suchte damals einen Assistenten für seinen Kollegen Professor Schneider, der über den Geruchssinn von Schmetterlingen forschte. Dessen Aufgabe: die eingefangenen Tiere bestimmen. „Ich habe viele Wochenenden am MPI Seewiesen verbracht, und den Riechforschern zugeschaut“, erzählt der 63-jährige heute.

Inzwischen ist Hatt als Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie an der Ruhr-Universität Bochum selbst ein anerkannter Experte auf dem Gebiet, und wurde für seine Forschung gerade mit dem Communicator-Preis der DFG und dem Forschungspreis der Doktor Robert Pfleger-Stiftung ausgezeichnet.
Hatts Erkenntnisse kommen wissenschaftlich einer kleinen Sensation gleich: zusammen mit seinem Team hat der Professor Riechrezeptoren an allen möglichen Stellen des menschlichen Körpers identifiziert. Fachlich korrekt spricht er deshalb von Chemorezeptoren. Das sind Proteine in den Zellen, die chemische Moleküle erkennen „Der Mensch verfügt über 350 verschiedene Riechrezeptoren“, erklärt der gebürtige Illertissener, „die alle in der Nase sitzen. Etwa ein Drittel dieser Rezeptoren konnten wir aber auch in anderen Körpergeweben finden.“

Riechrezeptoren nicht nur in der Nase

Ihre Aktivierung durch Duftstoffe sind für ihn vergleichbar mit einem Schloss-Schlüssel-System. Riechrezeptoren haben eine Bindetasche für bestimmte Geruchsmoleküle. Passt ein Geruchsmolekül in die Bindetasche, wird der Duftreiz in der Zelle verstärkt, in ein elektrisches Signal umgewandelt und ans Gehirn geleitet. Eben diese Riechrezeptoren konnte Hatt auch an anderen Körperzellen nachweisen. Dort reagieren die Rezeptoren auf Stoffe, die eine molekulare Ähnlichkeit mit den entsprechenden Duftmolekülen haben. „Andere Schlüssel passen auch in das Schloss“, vervollständigt Hatt das Bild. So besitzen beispielsweise Prostatazellen den Veilchenrezeptor aus der Nase und reagieren auf  Veilchengeruch. Da es diesen in der Prostata aber nicht gibt, werden sie dort durch ein Stoffwechselprodukt von Testosteron aktiviert, das eine molekulare Ähnlichkeit aufweist. Und anstatt ein elektrisches Signal an das Gehirn zu senden, wo der Geruch registriert wird, sendet der Prostata-Rezeptor ein chemisches Signal in den Zellkern, der das Zellwachstum hemmt. Eine Erkenntnis, die auch therapeutisch einsetzbar sein könnte.

Den ersten Riechrezeptor außerhalb der Nase fand Hatt allerdings ausgerechnet in den Spermien – ein Chemorezeptor für Maiglöckchengeruch. Mit der Publikation dieser Erkenntnisse habe seine Arbeitsgruppe damals „ein Dogma gebrochen“, sagt Hatt. „Bis vor zehn Jahren war es noch ein anerkannter Fakt, dass Riechrezeptoren ausschließlich in der Nase zu finden sind. Die führenden Nobelpreisträger haben gar keine andere wissenschaftliche Meinung zugelassen“, erzählt Hatt. Er habe die erste Publikation über Riechrezeptoren an menschlichen Spermien nur in die anerkannte Fachpresse bekommen, so der Forscher, weil sie offenbar den redaktionellen Gutachtern für Fortpflanzungsmedizin vorgelegt wurden, und nicht der Sinnesphysiologie, wo die führenden Riechforscher ihren Standpunkt verteidigt hätten. „So kann Wissenschaft auch sein“, meint Hatt. „Aber solche wichtigen Ergebnisse lassen sich nicht auf Dauer unterdrücken.“

Wer jetzt jedoch hofft, von Hatt und seinem 60-köpfigen Team den Rezeptor für seinen Lieblingsduft zu erfahren, wird enttäuscht. „Es funktioniert umgekehrt“, erklärt Hatt. „Wenn wir einen Rezeptoranalysieren wollen, schütten wir hunderte von Düften darauf, um zu sehen, welcher ihn aktiviert. Das dauert Monate – ich würde einiges darum geben, wenn mir eine gute Fee einfach zu jedem Rezeptorden Duft nennen würde.“ Glücklicherweise sind die optischen Testverfahren in kleinen abgeschlossenen Räumen weitgehend geruchlos.

Fußball als Ausgleich

Es gibt wenige Dinge, die Hatt ebenso wichtig sind wie  seine Forschung. Eine davon ist seine Tätigkeit als Präsident der Nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste, die er bekannter machen will: „Dort ist ein großes Potential von Wissen und Kreativität, das von der Politik und der Gesellschaft kaum genutzt wird“, wirbt er. Entspannung findet er, wenn er zusammen mit seiner Frau auf der Terrasse sitzt – „ein gutes Glas Wein in der Hand und die Katze auf dem Schoß“. Und dann gibt es noch einen „heiligen Termin“, wie er sagt: Einmal in der Woche wird in der Unimannschaft Fußball gespielt. Eineinhalb Stunden lang verteilt Hatt im Mittelfeld die Bälle, anschließend werten die Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche das Spiel aus – eine verschossene Ecke ist dann wichtiger als jeder Chemorezeptor.

www.biotechnologie.de / Cornelia Kästner

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