Virusökologe ohne Gummistiefel
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Porträt

Virusökologe ohne Gummistiefel

Indien ist Christian Drostens Lieblingsland. Im Urlaub zieht es den Leiter des Instituts für Virologie in Bonn immer wieder auf den Subkontinent, zuhause hat er nach eigenen Angaben mehr als 60 verschiedene Gewürze im Schrank, und wenn er kocht, dann indisch.

„Man merkt, dass es dort eine Kultur gibt, die mehr als 6000 Jahre alt ist. Anders als in Europa hat sie sich kontinuierlich entwickelt, und die Menschen strahlen das aus“, meint er. „Sie haben eine lange Sicht auf die Dinge – und eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Alltagssorgen.“ Die Gleichgültigkeit wurde 2002 erschüttert, ausgerechnet sein Lieblingsland war Gegenstand eines medizinischen Horrorszenarios: In Asien grassierte das SARS-Virus, Indien meldete die ersten Verdachtsfälle.

„Wenn das Virus auf die indischen Großstädte übergegriffen hätte, wäre es nicht mehr kontrollierbar gewesen“, sagt Drosten. Zusammen mit seinem Kollegen Stephan Günther identifizierte Drosten als erster den SARS-Erreger und entwickelte einen Nachweis, der heute weltweit benutzt wird. Für seine Forschung erhielt er 2005 das Bundesverdienstkreuz. Unlängst geriet er mit der Entdeckung ausgerottet geglaubter Viren in die Schlagzeilen, die in Fledermauskolonien überlebt haben.

Drosten hat nichts gegen Fledermäuse, sie sind ihm seit frühester Kindheit vertraut. Der Virologe wurde 1972 im niedersächsischen Lingen geboren und ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Sein Interesse an der Biologie habe damit aber nichts zu tun, betont er: „Ich bin kein Gummistiefeltyp!“ Während des Zivildienstes als Rettungssanitäter begann er, sich für Medizin zu interessieren, studierte zunächst Biologie und Chemietechnik in Münster und Dortmund und arbeitete während des Studiums auf Intensivstationen. „Den ständigen Umgang mit Patienten, für die man eigentlich wenig tun kann, fand ich sehr belastend“, sagt er. Von da an war klar, dass seine Arbeit eher im Labor lag.

Nacht- und Nebelaktion

Im Mai 2000 legte Drosten das Medizinische Staatsexamen ab und promovierte summa cum laude am Institut für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie des DRK Hessen über die Etablierung eines Hochdurchsatz-Systems zum Testen von Blutspendern. Ab Juni 2000 arbeitete er in der Abteilung für Virologie des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg, wo er die Laborgruppe Molekulare Diagnostik leitete und ein Forschungsprogramm zur Diagnostik tropischer Viruskrankheiten etablierte. Das PCR-Hochdurchsatzverfahren war noch weitgehend unbekannt, als sich Drosten mit dieser Methode auf die Entdeckung seltener und unbekannter Viren spezialisierte.

In diese Zeit fiel der Ausbruch des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms, kurz SARS, 2002 in Südchina. Der bis dato unbekannte Erreger einer atypischen Lungenentzündung forderte innerhalb eines Jahres etwa 1000 Todesopfer. Einer der Patienten lag in Frankfurt. Drosten besuchte eigentlich nur ehemalige Kollegen, als er in der Klinik auf den Fall aufmerksam wurde und die Ärzte bat, ihm eine Probe mitzugeben. „Das war eine Nacht- und Nebelaktion“, sagt er. „Ich habe am Samstag die Probe im Auto mit zurück genommen, und Sonntagmittag hatte ich das Virus.“ Kurze Zeit später bestätigten das Center for Disease Control in Atlanta und das Seuchenzentrum in Hongkong das Ergebnis. Es folgten Nacht- und Sonderschichten, um ein Nachweisverfahren zu entwickeln, das Drosten mit seinen Kollegen anschließend samt Referenzmaterial in die ganze Welt verschickte. „Wir haben über Nacht die Primer entworfen und in rauhen Mengen RNA hergestellt“, erinnert er sich. „Für einige Wochen haben wir dann jeden Tag Briefumschläge mit Reagenzröhrchen in die ganze Welt verschickt, die Labore mussten uns nur eine Mail schreiben.“

Drosten berechnete nur die Versandkosten, und stellte die Sequenz noch vor der Publikation im New England Journal of Medicine kostenlos ins Internet – ein beispielloser Umgang mit Forschungsergebnissen. „Damals habe ich nicht groß drüber nachgedacht“, sagt Drosten. „Bei den Virologen herrschte eine Art Weltuntergangsstimmung: Die Welt steht am Rand einer Seuche. Normalerweise überwiegt das geistige Eigentum oft das epidemiologische Interesse.“ 

Heute weiß man, dass Fledermäuse das Reservoir des SARS-Virus bilden. Die Nachtjäger beschäftigen Drosten vor allem, seit er 2007 die Leitung des Instituts für Virologie in Bonn übernommen hat. Er hat sich auf Virusökologie spezialisiert, einer Wissenschaft, die nicht nur nach der Evolution, sondern auch dem Habitat und der Ökologie eines Erregers fragt. Die Fledermäuse entpuppten sich schnell als wichtige Virusarchive. „Für ein Virus ist es günstig, wenn sich viele Wirte an einer Stelle befinden“, erklärt Drosten. „Und da gibt es vor allem zwei Gruppen: Die Fledermäuse mit Kolonien von bis zu drei Millionen Tieren, und den Menschen.“ Aber erst die Zerstörung natürlicher Lebensräume schaffe eine Konzentration gefährlicher Pandemieviren, die bei engem Kontakt auch auf Menschen übergreifen können.

Vom Labor in den Urwald

Drostens Feldforschung führte ihn um die Welt: Von der Kalkberghöhle in Bad Segeberg bis in die Urwälder Ghanas, Gabons und Brasiliens, wo die Flughunde auch den Speiseplan der Eingeborenen ergänzen. Durch regen Tausch von Blutproben hat das Bonner Institut inzwischen eine der größten Probensammlungen für Säugetierviren. Zeit für persönliche Hobbies bleibt da wenig: Drosten spielt Gitarre, verbringt Zeit mit seiner Lebensgefährtin und will im Sommer den Motorradführerschein machen. In gewisser Weise seien auch die Forschungsreisen nach Hongkong, Afrika und Südamerika ein Stück Privatvergnügen, meint er. Und obwohl er am liebsten vegetarische Gerichte aus Indien kocht, schätzt Drosten die lokalen Spezialitäten in seinem Forschungsgebiet. „Ich würde auch in Afrika einen Flughund probieren“, räumt er ein. „Wenn er gut durchgegrillt ist.“

www.biotechnologie.de / Cornelia Kästner

http://www.laborwelt.de/menschen/portraets/christian-drosten-virusoekologe-ohne-gummistiefel.html

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