Lesewelt

Jane Reloaded
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Charlotte Kerner

Jane Reloaded

Was passiert, wenn eine junge Studentin auf einen Jungen aus der Steinzeit trifft? Charlotte Kerner hat aus diesem Gedankenspiel ein Jugendbuch gemacht. Die Heldin Jane hat gerade Ihr Studium beendet und möchte in die Fußstapfen ihrer Mutter und Großmutter treten, die allesamt große Paläontologinnen waren. Als sie erfährt, dass ihr Vater in einem geheimen Labor arbeitet, in dem Frühmenschen gentechnisch neu erschaffen werden, findet sie das zunächst ziemlich spannend. Doch als sie Jamie, einen frisch rekonstruierten Homo erectus kennen lernt, funkt es über die Evolution hinweg. Geht das? Darf man das? Und wie fühlt es sich an?

Die Natur des Menschen, die Moral seines Tuns und die Liebe in seinem Herzen: Die drei großen Menschheitsfragen auf nicht mehr als 200 Seiten zu verhandeln, ist ambitioniert. Es klappt nicht immer. Manchmal ist der Plot nicht mehr als ein Feigenblatt, das über einen Haufen an Fakten über die Evolution gelegt wird. Andererseits werden ethische Fragen wie etwa die Sache mit dem Klonen von Menschen nur angerissen. Die Leser sollen selber denken, stimmt schon, aber gerade bei so komplexen Themen wären ein paar zusätzliche Haltepunkte, an denen sich die Gedanken entlanghangeln können, wünschenswert gewesen. Kerner bewiest aber auch Witz und Imagination.

In ihrer Welt des Jahres 2100 hat die Gentechnologie bereits starke Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Die einen feiern den International Darwin Day, die anderen beten das „Venter Unser“ - in Anlehnung an den großen Gentechnik Pionier Craig Venter. Die Biologie ist das große Thema des 21. Jahrhunderts. Bücher, die sich damit beschäftigen, sollte es noch viel  mehr geben. Sie müssen auch gar nicht so überehrgeizig daherkommen wie dieses. 

Charlotte Kerner

Jane Reloaded

Beltz & Gelberg 
Weinheim Basel, 2011
211 Seiten, 14,95 Euro
ISBN: 978-3-4078-1092-2

© 2007-2012 BIOCOM

http://www.laborwelt.de/menschen/lesewelt/jane-reloaded.html

Alle Buchrezensionen

Paul Collier

Wir leben über unsere Verhältnisse. Wir plündern die Erde aus und verschwenden die Ressourcen. Gleichzeitig verlieren die ärmsten Menschen, „die unterste Milliarde“, wie sie Autor Paul Collier nennt, den Anschluss. Nahrungsmittelknappheit und Klimawandel treffen sie besonders hart. Für den Direktor des Centre for the Study of African Economies an der Universität Oxford ist klar: Wir müssen unser Handeln auf eine ethische Grundlage stellen und so ökologische und ökonomische Interessen in Einklang bringen.

Paul Collier - Der hungrige Planet

Ein entsprechendes Konzept präsentiert Collier in „Der hungrige Planet“. Das Buch richtet sich an Menschen, „die weder von frommem Ekel für die moderne Welt erfüllt, noch moralisch abgestumpft sind.“ Ihnen verspricht Collier „Ideen aus der präzisen, aber schwer verständlichen Sprache der modernen Wirtschaftswissenschaft in eine Form zu übersetzen, die auch außerhalb des engen Zirkels von Fachleuten gelesen werden kann“. Das gelingt ihm zweifelsohne. Das Buch ist eingängig zu lesen, die Argumente scheinen schlüssig und die vorgeschlagenen Problemlösungen einleuchtend. Manchmal jedoch schießt der Autor über das Ziel hinaus. Im Blick auf das große Ganze lösen sich individuelle Unterschiede auf. Aus Ökonomen werden entweder „Ethiker“ oder „Utilitaristen“, die Menschheit besteht nur aus ignoranten Umweltplünderern, romantischen Umweltschützern und der kritischen Masse der Bürger. Ob sich 7 Mrd. Menschen in so ein grobes Raster pressen lassen, erscheint doch mehr als fraglich.

Trotzdem ist es das Anliegen Colliers wert, nicht ungehört zu verhallen: „Das Zeitalter des billigen Überflusses der Natur ist vorbei. Nun müssen wir gemeinsame Regeln für ein Zeitalter aufstellen, in dem die Natur wertvoll ist.“ Nur so würden die unterste Milliarde vor Armut geschützt und der Wohlstand und die Umwelt der Industrienationen für die kommende Generationen bewahrt.

    

Paul Collier

Der hungrige Planet

Siedler Verlag, München 2011

272 Seiten, 22,99 Euro

ISBN: 978-3-88680-941-7

Dieter E. Zimmer

Thilo wer? Es ist erstaunlich ruhig geworden um den Autor von „Deutschland schafft sich ab“. Noch vor rund einem Jahr beschäftigten sich die Medien ähnlich intensiv mit dem „Möchtegern-Darwin“ Sarrazin wie zurzeit mit der Causa Wulff. Jetzt greift ein Buch erneut die Debatte auf.

Dieter E. Zimmer - Ist Intelligenz erblich?

Der Wissenschaftsjournalist Dieter Zimmer setzt eine von Sarrazins Thesen ins Zentrum seines Sachbuches „Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung“. Sarrazins Meinung, dass Intelligenz und genetische Vererbung unweigerlich verknüpft sind, verstieß laut SPD-Spitze „gegen elementare Wertvorstellungen der Sozialdemokraten“. Die Argumente für den Fast-Rauswurf Sarrazins von Nahles & Co. waren laut Zimmer das Hauptmotiv, mit seinem Buch die Debatte „noch einmal bei null anzufangen“. Eines wird in „Ist Intelligenz erblich?“ schnell klar: Seine Titelfrage beantwortet Zimmer eindeutig mit ja. Kein Wunder: Der ehemalige Feuilletonchef der Zeit beschäftigt sich seit dreißig Jahren mit dem Zusammenhang von IQ und Vererbung. Treibt diese Ansicht Sarrazin-Gegnern auf den ersten Seiten vermutlich noch die Zornesröte ins Gesicht, so werden sie in den nächsten Kapiteln auch schon wieder versöhnt. Denn Zimmer hält sich selbst aus der emotionsgeladenen Debatte heraus und präsentiert reine Wissenschaft. Und die belegt: Die Gene bestimmen unser IQ-Potential. Eine Intelligenzsteigerung ist zwar im Kindesalter möglich, davon bleibt später aber meist nicht viel übrig. 

Ohne Fachjargon kommt Zimmer nicht aus. Von Kovarianz, Standardabweichung und Normalverteilung ist hier die Rede. Doch diese Sprachwahl sei in der Debatte unvermeidlich, so Zimmer. Wer nicht wissen will, was hinter diesen Begriffen stecke, „sollte gar nicht weiterlesen, sich dann aber fairerweise auch aus der Diskussion heraushalten.“ Wer mitdiskutieren will, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

    

Dieter E. Zimmer

Ist Intelligenz erblich?: Eine Klarstellung

Rowohlt Verlag, Reinbek 2012
320 Seiten, 19,95 Euro

ISBN: 978-3498076672

N. Myhrvold, C. Young, M. Bilet

Nathan Myhrvold - ehemaliger Assistent des Astrophysikers Stephen Hawking und Technikvorstand bei Microsoft - legt schon gewohnheitsmäßig andere Maßstäbe an. 2006 begann er damit, an einem Kochbuch zu arbeiten, das die ganze Sache mit der Essenszubereitung ein bisschen grundsätzlicher angehen würde.

N. Myhrvold: Modernist Cuisine

Herausgekommen sind mit "Modernist Cuisine - Die Revolution der Kochkunst" fünf Bände mit insgesamt 2.440 Seiten. Die sind zwar teuer, aber sehr schön aufgemacht. Und lohnen sich vor allem für Leser mit labortechnischer Vorbildung. Denn der Perfektionist Myhrvold vertraut auf die Technik, um das Beste aus den Lebensmitteln herauszuholen. Beim Ausstatter Büchi aus Essen hat er sich einen Rotationsverdampfer geholt. Daneben stehen Hochdruckhomogenisator, Gefriertrockner, Zentrifuge und natürlich ein Schnellkühler. Der stellt sicher, dass zum Beispiel Sushi rasch genug kalt genug wird. -65 Grad Celsius sollten es beim Blauflossenthunfisch schon sein.

Ein schönes Beispiel für Myhrvolds Methode ist sein Cheeseburger. Wer den für simpel hält, kennt den Autor nicht. 30 Stunden sind zu investieren, bis man zubeißen kann. Das Hackfleisch wird zunächst im Sous-vide-Vakuumbad bei Niedrigtemperatur gegart. Zum Einsatz kommt im Anschluss auch flüssiger Stickstoff und schlussendlich die Fritteuse. Ganz nach alter Schule verwendet Myhrvold diese auch zur Zubereitung der Beilage. Um Pommes allerdings mit der vollendeten Kruste zu versehen, werden diese zuvor gegart und 45 Minuten ins Ultraschallbad gelegt. Wie er das alles warm serviert, bleibt sein Geheimnis. Und Bier trinken während des Kochens verbietet sich von selbst. Wer will schon mit der Hand aus Versehen in den Stickstoff geraten?

 

N. Myhrvold, C. Young, M. Bilet

Modernist Cuisine - Die Revolution der Kochkunst

Taschen Verlag, Köln, 2011
6 Bd., 2440 Seiten, 399 Euro
ISBN: 978-0-9827-6100-7

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Benedict Wells

Benedict Wells Romanheld heißt Francis und lebt mit seiner depressiven Mutter in einem Trailerpark in New Jersey. Die Zukunftsaussichten von Francis sind düster. Dann erfährt er, dass sein Vater ein berühmter Wissenschaftler ist und er das Produkt einer Samenvermittlung.

Benedict Wells: Fast genial

Die Geschichte ist vier Jahre älter als ihr Erzähler: Im Jahre 1980 gründete Robert Klark Graham eine Samenbank für Nobelpreisträger und andere Geistesgrößen. Natürlich in den USA. Der Mann war mit bruchfesten Brillengläsern reich geworden und nun von der Sorge zerfressen, dass sich die Schlauen zu wenig und die Dummen zu viel fortpflanzen. Also half er nach. Bis zu seinem Tod 1997, der auch das Ende seiner Elite-Samenbank bedeutete, wurden so 217 Kinder mit extrahohen Erwartungen ins Leben geschickt. 

Benedict Wells, deutscher Schriftsteller Jahrgang 1984, machte Grahams Projekt zum Ausgangspunkt seines Romans „Fast genial". Sein Held ist der spätpubertierende Träumer Francis, knapp 18, der mit seiner depressiven Mutter in einem heruntergekommenen Trailerpark in New Jersey wohnt. White Trash at it's best. 

Die Zukunftsaussichten des jungen Mannes sind reichlich trübe, bis er erfährt, dass er ein Produkt der legendären Samenvermittlung und sein Vater ein berühmter Wissenschaftler aus Harvard ist. Da gibt sich Francis einen Ruck und macht sich mit bestem Kumpel und angebetetem Mädchen auf zu einer Reise quer über den Kontinent, um in Kalifornien – wo früher die Samenbank der Genies ansässig war – seinen Vater ausfindig zu machen.

Für den Leser beginnt damit ein unterhaltsames Roadmovie im Kopf, das diejenigen ganz besonders genießen werden, die selbst als Twentysomethings mal durch die USA getourt sind. Figuren zum Mitbangen und überraschende Wendungen unterhalten bestens. Bezüglich des naturwissenschaftlichen Hintergrundes sollte man nicht allzuviel erwarten: Auf Seite 240 lässt der Autor einen seiner Protagonisten schließlich selbst zugeben, dass das Konzept der Samenbank der Genies in Zeiten von synthetischen Genen und Präimplantationsdiagnostik ziemlich antiquiert wirkt.

Benedict Wells

Fast genial

Diogenes Verlag, Zürich 2011
336 Seiten, 19,90€
ISBN 978-3257067897

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Matthias Uhl & Eckart Voland

Die Beobachtung von Matthias Uhl und Eckart Voland „Angeber haben mehr vom Leben“ ist nicht wirklich neu. „Klappern gehört zum Handwerk“, weiß schon der Volksmund. Mit ihrem Buch erklären die beiden Biologen aber in leicht verständlicher Sprache und mit viel Witz die wissenschaftlichen Mechanismen, die dem Angeber immer wieder den Erfolg sichern.

Matthias Uhl & Eckart Voland: Angeber haben mehr vom Leben

Das dahinter stehende Handicap-Prinzip bringen die Autoren so auf den Punkt: „Wer nicht an-gibt, was er zu bieten hat, fristet ein Leben als Mauerblümchen. Wer in die vollen greift und mit aufwendigen Signalen zeigt, was er zu bieten hat, dem werden die Hände gereicht.“ Durch diesen Erklärungsansatz wird verständlich, warum das Pfauenmännchen ein äußerst unpraktisches Federkleid mit sich rumschleppt und wieso eine Gazelle, die einen Wolf entdeckt, nicht etwa sofort vor dem Feind flieht, sondern zunächst viel Kraft und Energie darauf verwendet, laut zu trommeln und auf der Stelle in die Luft zu springen. Kurzweilig, aber mit solidem theoretischen Fundament wird die soziobiologische Antwort auf solche Fragen präsentiert: Die Signale gelten als fälschungssichere Botschaft, wahlweise entweder „Ich bin so gesund, dass ich Energie für die Prachtentfaltung verschwenden kann, paare dich mit mir“ oder „Ich bin so jung und kräftig, dass du mich eh nicht fangen kannst, also versuche gar nicht erst, mich zu jagen.“ 

Ob dieses Prinzip durch eine sehr weitgehende Übertragung auf die menschliche Kultur nicht etwas überdehnt wird, kann dahingestellt bleiben. Einleuchtend klingen die Erklärungen allemal, wenn es um die Nachbarn geht, die so viel Wert auf Statussymbole legen, oder den Bürokollegen, der mit seinem Gehabe nachhaltig zu beeindrucken sucht.

Matthias Uhl, Eckart Voland

Angeber haben mehr vom Leben

Spektrum Akademischer Verlag,
Heidelberg, 2011
240 Seiten, 9,95 Euro
ISBN: 978-3-8274-1370-3

Cornelia Stolze

Der Millionenerbe, Fotograf und Kunstsammler Gunter Sachs hätte sich keine Kugel in den Kopf schießen müssen. Zumindest nicht wegen der „ausweglosen Krankheit A.“, wie er in seinem Abschiedsbrief schrieb. Alzheimer ist ein Konstrukt, sagt Cornelia Stolze.

Cornelia Stolze: Vergiss Alzheimer

Mit gewohnter Angriffslust macht die Diplombiologin und Medizinautorin ein großes Fass auf. Vieles, was als Alzheimer diagnostiziert werde, sei in Wahrheit eine von vielen unterschiedlichen Demenzerkrankungen, die weder eine gemeinsame Ursache noch ein gemeinsames Erscheinungsbild haben. 

Das Gehirn könne im Alter aus einer Vielzahl von Gründen nicht mehr richtig funktionieren. Oft sind das nur kurzfristige Symptome, schreibt Stolze. „Desorientierte oder auch apathische alte Menschen werden wegen akuter Verwirrtheit ins Krankenhaus eingewiesen, denen nur eines fehlt: Flüssigkeit und Elektrolyte.“ Langfristiger ist der Zusammenhang zwischen Depression und Demenz. Mit Vorliebe knöpft sich Stolze prominente Fälle vor. Walter Jens sei nicht nur depressiv gewesen, sondern habe jahrzehntelang Medikamentenmissbrauch betrieben. „Trotzdem wird sein Schicksal als Alzheimer-Fall vermarktet“, schreibt die Biologin.

Tatsächlich gibt es Defizite bei der Abgrenzung von Alzheimer. Und der wahre Auslöser der Erkrankung ist ebenfalls noch nicht gefunden. Stolzes Recherchearbeit ist beachtenswert, gut hinterlegt und löst im besten Fall eine Diskussion darüber aus, dass die ehrenwerte Medizin wie die ganze restliche Gesellschaft von Moden und allzu menschlichen Motiven nicht verschont wird. Die mit rechtschaffener Empörung vorgetragenen Hinweise auf skrupellose Pharmakonzerne, listige Lobbyisten und ahnungslose Öffentlichkeit vernebeln den Blick auf dieses stichhaltige Argument leider etwas.

Cornelia Stolze

Vergiss Alzheimer

Verlag Kiepenheuer & Witsch
Köln, 2011
245 Seiten, 18,99 Euro
ISBN: 978-3-4620-4339-6

Lone Frank

Böse Zungen könnten behaupten, Lone Franks Buch „Mein wundervolles Genom“ sei einfach nur der Versuch, aus einer Krise Kapital zu schlagen. Die dänische Neurobiologin und Journalistin hatte eigentlich kein besonderes Interesse an ihrem „biologischen Erbe“. Doch dann starb Franks Vater, der unter Depressionen und Alkoholsucht litt.

Lone Frank: Mein wundervolles Genom

„Ohne Quelle und ohne Nachkommen hängt man ziemlich in der Luft in der Unendlichkeit der Menschheit,“ erkennt Frank. Sie beschließt, mehr über ihre Vergangenheit, ihre Zukunft und sich selbst in Erfahrung zu bringen. Als Neurobiologin setzt sie jedoch nicht auf fernöstliche Meditationstechniken, sondern auf hochgerüstete Sequenziermaschinen. Gentests sollten alle ihre offenen Lebensfragen beantworten: Habe ich den Hang zu Depressionen von meinem Vater geerbt? Werde ich an Brustkrebs erkranken? Trage ich ein Risikogen für Alzheimer?

Lone Frank machte sich für ihr Buch selbst zum Versuchskaninchen. Sie ließ nicht nur ihr Genom analysieren, sprach mit Wissenschaftlern und Medizinern und nahm an einem Forschungsprojekt zur Verhaltensgenetik teil. Der Leser begleitet Frank auf ihrer Reise zu ihrem „genetischen Ich“. Frank ist dabei vor allem eins: brutal ehrlich. Über sie selbst erfährt der Leser beinahe alles, von den wiederkehrenden depressiven Phasen über ihren bedenklichen Weinkonsum bis hin zur Angst vor Brustkrebs. Auch die Gesprächspartner werden nicht geschont. Nobelpreisträger James Watson wirkt „wie eine alte Schildkröte“. Nicht zuletzt wegen dieser Offenheit hat Lone Frank ein lesenswertes Gegenbuch zur florierenden Genomskepsis geschrieben. Für Frank liegt die Antwort zum „Erkenne Dich selbst“ tatsächlich in der Doppelhelix.

Lone Frank

Mein wundervolles Genom

Carl Hanser Verlag
München,2011
336 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3-4464-2687-0

Josef H. Reichholf

Bei Veröffentlichung seiner Theorie hatte Charles Darwin Bedenken, was die Kirche sagen würde. Vor dem Argusfasan aber hatte er Angst. Dessen unpraktisch prächtiges Gefieder passte nicht zum eben postulierten Überlebensdruck.

Josef H. Reichholf: Der Ursprung der Schönheit

Der Münchner Biologe Josef H. Reichholf hilft seinem Vorgänger aus und bohrt ein Loch ins stramme Korsett der evolutionären Effizienz. Gerade wenn die Evolution besonders gut funktioniert, sagt Reichholf, entsteht Raum für Extravaganz. Zwar vermischt der Autor das mit dem menschlichen Konzept der Schönheit. Doch wer sich davon nicht ablenken lässt, wird kurzweilig und luzide unterhalten. Schön.

Josef. H. Reichholf

Der Ursprung der Schönheit

C. H. Beck Verlag, München 2011
Gebunden, 304 Seiten, 19,95 EUR

ISBN: 978-3406587139

Francis S. Collins

Als am 26. Juni 2000 die Entzifferung des menschlichen Genoms verkündet wurde, standen zwei Männer neben Bill Clinton im East Room des Weißen Hauses: Craig Venter und Francis S. Collins. Ersterer ist berühmt, reich, zeigt gerne seine Brusthaare und hat schon lange eine Autobiografie geschrieben und veröffentlicht.

Francis S. Collins: Meine Gene - mein Leben

Collins ist so etwas wie das Gegenteil. Er ist fast noch wichtiger als Venter. Als langjähriger Direktor der National Institutes of Health ist er einer der mächtigsten Männer im US-amerikanischen Gesundheits- und Wissenschaftsbetrieb. Trotzdem wirkt er wie ein Hausarzt aus Idaho. Und das nicht nur wegen Button-Down-Hemd und Musterkrawatte. Collins ist bodenständig. Er erklärt die Möglichkeiten der personalisierten Medizin, als würde er Tipps zum Händewaschen geben. Dem Arzt Collins geht es um den Patienten. Was bringt Lieschen Müller das Wissen über eine Mutation im BRCA-1-Gen? Was hat meine DNA damit zu tun, dass ich einen Herzinfarkt bekomme oder an Diabetes erkranke?

Collins ist dabei optimistisch – die Wissenschaft wird vielen genetisch beeinflussten Krankheiten in Zukunft den Zahn ziehen –, aber auch einfühlsam. Immer wieder stößt er aus den luftigen Höhen des globalen Forschungsrennens herab und widmet sich dem Einzelfall. Nichts ist neu, doch als Haus- und Handbuch über ein Thema, das in aller Munde ist, aber selten so gründlich und unaufgeregt erklärt wird, sind die knapp 400 Seiten sehr brauchbar. Es ist noch nicht abschließend geklärt, warum diese Mischung aus Autorität und Bodenständigkeit eine angelsächsische Spezialität ist und in Deutschland entweder populär oder professoral geschrieben wird. Aber dafür gibt es ja Übersetzungen wie diese.

Francis S. Collins

Meine Gene - mein Leben

Spektrum Akademischer Verlag,
Heidelberg, 2011
388 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3-8274-2777-9

Rupert Sheldrake

Was wäre, wenn …? Diese Frage steht häufig am Anfang neuer Konzepte und Ideen. Auch Rupert Sheldrake macht da keine Ausnahme. In seinem Buch „Das Gedächtnis der Natur“ fragt er: Was wäre, wenn „der Natur ein Gedächtnis innewohnt und die sogenannten Naturgesetze eher etwas von Gewohnheiten“ haben?

Rupert Sheldrake: Das Gedächtnis der Natur

Auf eingängige Art und Weise schildert der promovierte Biologe dann, wie sein Konzept der „morphischen Felder“ geradezu im Vorbeigehen die großen Fragen der Wissenschaft beantworten könnte: Es gäbe keinen Grund mehr „von einer Fixierung aller Gesetze und Konstanten im Augenblick des Urknalls auszugehen“. Stattdessen könnten sich vermeintlich in Stein gemeißelte Konstanten an die jeweiligen Notwendigkeiten anpassen. Die Vererbung von Instinkten wäre ebenfalls kein Geheimnis mehr: Ein kollektives Gedächtnis führt nicht nur dazu, dass ein Spatz wie ein Spatz aussieht, sondern sorgt auch dafür, dass er sich so verhält, wie Spatzen sich nun einmal verhalten. 

Zugegeben, ganz neu ist Sheldrakes Idee der morphischen Felder nicht. Er hatte sie bereits 1981 in „A new Science of Life“ dargestellt. Mit dem nun vorliegenden, vollständig überarbeiteten Werk greift er aber noch einmal die aktuelle Diskussion über seine Hypothese auf. Konsequent spinnt Sheldrake die Idee der morphischen Felder bis zum Ende und errichtet ein bestechendes, in sich geschlossenes Gedankengebäude. Dass sich dahinter nicht nur ungefähres Geraune, sondern eine Hypothese mit ernsthaftem wissenschaftlichem Anspruch verbirgt, dürfte spätestens dann deutlich werden, wenn Sheldrake mögliche Experimente zur Verifizierung der morphischen Felder vorschlägt. Auch wenn diesen Theorien in der Wissenschaft kaum Erfolg beschieden sein dürfte, unterhaltsam ist das Buch allemal.  D

Rupert Sheldrake

Das Gedächtnis der Natur

Scherz Verlag
Frankfurt am Main, 2011
543 Seiten, 24,95 Euro
ISBN: 978-3-5021-5189-0

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