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Liebe Medien: Das Higgs-Boson ist kein "Gottesteilchen"!
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Astrodictium simplex

Liebe Medien: Das Higgs-Boson ist kein "Gottesteilchen"!

Gerade hat am CERN in Genf die Pressekonferenz begonnen, bei der die neuesten Ergebnisse der Suche nach dem Higgs-Teilchen verkündet werden. Gerüchte über eine angebliche Entdeckung kursieren schon seit Wochen und es ist wahrscheinlich, dass jetzt endlich wirklich etwas entdeckt worden ist. Ob es auch tatsächlich das Higgs-Teilchen ist, so wie es in den 1960er Jahren vorhergesagt wurde, eine Variation davon oder etwas ganz anderes, werden wir heute erfahren (Nachtrag: Was man entdeckt hat, und ob es das Higgs ist, habe ich hier beschrieben). Aber was auch immer entdeckt wurde, eines ist klar: Die Medienberichte werden wieder das grauenhafte Wort "Gottesteilchen" enthalten.

Damit das klar ist: Das Higgs-Boson hat nichts mit Gott zu tun. Es ist ein Elementarteilchen. Teilchenphysik hat nichts mit Gott zu tun. Kein Wissenschaftler nennt das Objekt "Gottesteilchen". Der Begriff stammt vom Titel eines Buch des Nobelpreisträgers Leon Lederman, der über Teilchenphysik und das Higgs-Boson schrieb. Ich habe die Geschichte hier erzählt. Der Titel "The God Particle" wurde vom Verleger ausgewählt (Lederman hätte es lieber "The Goddamned Particle" genannt).

Kein Wissenschaftler nennt das Higgs-Boson "Gottesteilchen". Der Name ist komplett unpassend, hat nichts mit Wissenschaft zu tun oder den Eigenschaften des Higgs-Bosons. Er erzeugt ein völlig falsches Bild. Wenn die Medien diesen Begriff benutzen, dann ist das reiner Sensationalismus. Wenn die Medien diesen Begriff benutzen, dann hat das nichts mit seriösen Journalismus zu tun. Dann geht es nur darum, ein möglichst spektakuläres Wort zu verwenden, das Leser bringt. Ob man diesen Lesern dann ein falsches Bild vermittelt oder nicht, interessiert anscheinend niemanden.

Die Abneigung der Wissenschaftler gegenüber dem "Gottesteilchen" ist bekannt. Auch die Journalisten sollten das wissen. Trotzdem erliegen sie immer wieder dem Drang der sensationellen Worten. Heute wird das Higgs-Teilchen überall in den Medien sein. Und wieder wird überall das Gerede vom "Gottesteilchen" den Blick auf die echte und äußerst spannende Wissenschaft verstellen.

Die Artikel die bis jetzt erschienen sind geben schon einen kleinen Vorgeschmack auf das kommende:

  • Süddeutsche.de: "Erfolgreiche Suche nach dem Gottesteilchen?"
  • Kleine Zeitung: "Mit Spannung schaut die Wissenschaftswelt auf das europäische Kernforschungszentrum CERN in Genf. Forscher wollen sich dort am Mittwoch zum Elementarteilchen Higgs-Boson äußern - und möglicherweise die Existenz des sogenannten "Gottesteilchen" bestätigen."
  • Spiegel Online: "Heiße Spur zum Gottesteilchen"
  • FAZ: "Gottes-Teilchen Higgs-Boson entdeckt?‎"
  • Stern.de: "Gerüchte um das Higgs-Boson: Neues vom Gottesteilchen‎"
  • Bild: "Higgs-Boson: "Gibt es das mysteriöse Gottesteilchen?"
  • Frankfurter Rundschau: "Higgs-Boson - Zeigt sich das Teilchen Gottes?"
  • Tagesspiegel: "Gottes Teilchen gefunden? Erkenntnisse der Forscher mit Spannung erwartet"
  • Hannoversche Allgemeine: "Wissenschaftler sind Gottesteilchen auf der Spur"
  • Kurier: "Gottesteilchen: Higgs-Boson scheint entdeckt"
  • Handelsblatt: "US-Wissenschaftler: „Gottesteilchen" Higgs nahezu entschlüsselt"
  • ZDF: "Ist das Gottesteilchen gefunden?"
  • Focus: "Video soll Gottesteilchen zeigen"
  • RP Online: "Womöglich "Gottesteilchen" nachgewiesen"
  • derStandard.at: "Der richtige Namensgeber des "Gottesteilchens"‎"

Es gäbe noch mehr Schlagzeilen - und es wird im Laufe des Tages noch viel mehr geben. Vermutlich wäre es einfacher gewesen, die Medien aufzulisten, die vernünftig genug sind, der scheinbaren Sensation des Begriffes "Gottesteilchen" zu widerstehen.

Weiterlesen auf: Astrodicticum simplex bei scienceblogs.de

http://www.laborwelt.de/menschen/blogs/liebe-medien-das-higgs-boson-ist-kein-gottesteilchen.html

Über den Autor auf Astrodictium simplex:

 

Florian Freistetter promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg als Astronom gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena und schreibt über Wissenschaft. 

 

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