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Junge Wissenschaftler brauchen doch eh kein Privatleben
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Astrodictium simplex

Junge Wissenschaftler brauchen doch eh kein Privatleben

Die Wissenschaft ist für viele Menschen ein Traumberuf. Zu Recht, denn es ist toll, in der Forschung zu arbeiten und dabei Dinge herauszufinden, die vorher noch niemand herausgefunden hat. Es ist daher kein Wunder, dass gerade die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler extrem engagiert und motiviert sind. Diese Hingabe an die Arbeit kann aber auch zum Problem werden – denn man läuft Gefahr, sich ausnutzen zu lassen und dabei völlig aufgerieben zu werden.

ScienceBlogs.com Kollege Ethan Siegel beschreibt in seinem Blog einen Brief, den die Professoren eines astronomischen Instituts in den USA an ihre Diplomanden und Doktoranden geschrieben habe. Das Ausbildungsprogramm des Instituts wurde evaluiert und die Professoren geben hilfreiche Tipps für die wissenschaftliche Arbeit und Ausbildung. Ob das aber tatsächlich “hilfreich” ist, ist zweifelhaft. Da steht zum Beispiel:

“We have received some questions about how many hours a graduate student is expected to work. There is no easy answer, as what matters is your productivity, particularly in the form of good scientific papers. However, if you informally canvass the faculty (those people for whose jobs you came here to train), most will tell you that they worked 80-100 hours/week in graduate school. No one told us to work those hours, but we enjoyed what we were doing enough to want to do so. We were almost always at the office, including at night and on weekends. Nowadays, with the internet, it is fine to work from home sometimes, but you still miss out on learning from and forming collaborations with other graduate students when everyone does not work in the same place at the same time.”

Da wird gefragt, wie lange man als Student/Doktorand denn eigentlich arbeiten soll. Die Antwort: Wir haben damals 80 bis 100 Stunden in der Woche gearbeitet, also solltet ihr das auch tun!

Ich halte das für eine gefährliche Entwicklung. Bei einer 80 bis 100 Stunden Woche verbringt man 12 bis 14 Stunden pro Tag mit Arbeit. Auch am Wochenende, aber da soll man ja laute Empfehlung der Fakultät ja sowieso auch arbeiten. Das ist absurd. Ok, auch als ich noch in der Wissenschaft gearbeitet habe, gab es wahrscheinlich Tage, an denen ich so lange gearbeitet habe. Überstunden muss man immer mal machen. Gerade in der Wissenschaft, wo man den Tagesablauf nicht so exakt planen kann. Manche Experimente oder Beobachtungen müssen lange am Stück beaufsichtigt werden. Manchmal muss man einen Vortrag vorbereiten, einen Antrag schreiben oder sonst etwas Dringendes erledigen das man nicht auf den nächsten Tag verschieben kann. Aber darum geht es nicht. Überstunden sind normal und weil die Wissenschaft der Traumberuf ist, macht man sie ja auch gerne. Das Problem ist ein anderes. Normalerweise sind Überstunden die Ausnahme. In der Wissenschaft werden sie immer mehr zu Regel, besonders wenn man noch jung ist. Und vor allem wird erwartet, dass man nicht nur zu den normalen Arbeitszeiten im Büro oder Labor ist, sondern auch Nachts und am Wochenende. Bei aller Hingabe zum Beruf möchte man aber vielleicht doch mal ein bisschen Privatleben haben. Wenn man dann zum Beispiel “nur” 60 Stunden pro Woche arbeitet, dann macht das nicht nur einen schlechten Eindruck bei den Vorgesetzten. Man gerät auch automatisch ins Hintertreffen, weil sich leider immer junge und enthusiastische Leute finden, die sich gerne auf diese Art ausnutzen lassen und Tag und Nacht auf der Uni sind.

Im Brief wird das auch ganz explizit so gesagt:

“The people who will get the best jobs are the type of people who always get the best jobs, those with a truly exceptional level of dedication to science, who seize ownership of their research and careers, and who fix problems instead of blaming others for them. If you find yourself thinking about astronomy and wanting to work on your research most of your waking hours, then academic research may in fact be the best career choice for you.”

Es sind also die Leute am besten qualifiziert, Wissenschaftler zu werden, die bereit sind, am längsten dafür zu arbeiten. Implizit wird da behauptet, dass man kein guter Wissenschaftler sein kann, wenn man nicht bereit ist “most of your waking hours” mit Forschungsarbeit zu verbringen. Das ist natürlich Unsinn. Die Qualität wissenschaftlicher Arbeit hat nichts mit der Quantität zu tun. Allerdings entwickeln sich die Strukturen immer mehr in diese Richtung. Wer sich um eine Stelle an einer Universität bewirbt oder Geld für einen Forschungsprojekt beantragt, der wird dabei meistens fast ausschließlich anhand der veröffentlichen Fachartikel beurteilt. Das ist ja auch in Ordnung, denn die sind immerhin das sichtbare Resultat der wissenschaftlichen Arbeit. Aber auch hier spielt die Quantität eine Rolle. Wer mehr Publikationen hat, der hat auch bessere Chancen auf den Job. Wer Zeit für andere Dinge aufwendet – zum Beispiel für die ausführliche Vorbereitung von Lehrveranstaltungen, für Öffentlichkeitsarbeit oder vielleicht sogar für ein Privatleben – kann weniger publizieren als all die Kollegen, die Nächte und Wochenende im Büro verbringen.

Weiterlesen auf: Astrodicticum simplex bei scienceblogs.de

http://www.laborwelt.de/menschen/blogs/junge-wissenschaftler-brauchen-kein-privatleben.html

Über den Autor auf Astrodictium simplex:

 

Florian Freistetter promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg als Astronom gearbeitet. Zur Zeit lebt er in Jena und schreibt über Wissenschaft. 

 

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