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25 Cent für den Gemischtwarenladen
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Perkin Elmer

25 Cent für den Gemischtwarenladen

Wie das Gesicht von Perkin Elmer in zehn Jahren aussehen wird, das weiß heute niemand. Zwar gilt das Unternehmen als eines der größeren in der Branche. Eine gescheiterte Übernahme in Milliardenhöhe offenbart jedoch die Schwächen des Gemischtwarenladens Perkin Elmer.

25 Cent haben Robert Friel um den Traum gebracht, aus Perkin Elmer einen der ganz großen Spieler der Labor- und Diagnostikbranche zu machen. Damit hätte sich der Firmenchef nach mehr als zehn Jahren in Diensten des amerikanischen Analysen- und Diagnostikkonzerns die Krone aufgesetzt. Nur 25 Cent. Bis in die Endrunde hatte es Perkin Elmer im Bieterverfahren um den US-Konzern Beckman Coulter geschafft, der nach einigen Fehlschlägen (vgl. LBW 1/2011) selbst das "for sale"-Schild aus dem Fenster gehängt hatte. Im Rennen waren - dem Vernehmen nach - einige Investorenkonsortien und der Technologiekonzern Danaher. Der ist im Vergleich zu Perkin Elmer ein Riese. Zwar erwirtschaftete "PKI", wie die Aktie an der New Yorker Nasdaq unter Händlern genannt wird, im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,7 Mrd. US-$ und steigerte den Gewinn im Vergleich zum Vorjahr sogar um das Vierfache auf 383 Mio. Euro. Gegen Danaher nimmt sich Perkin Elmer jedoch aus wie ein Zwerg. An der Börse wird das Unternehmen mit einem Wert von 2,9 Mrd. US-$ gehandelt - gerade einmal ein Zehntel des Wertes seines übermächtigen Bieterkonkurrenten. Und doch war der David kurz davor Goliath zu besiegen. Mit 83,25 US-$ pro Aktie war das Angebot von Friel & Co. das höchste - gerade einmal einen "Quarter" über dem von Danaher. Perfekt eigentlich. Wenn es allein danach gegangen wäre, hätte Perkin Elmer den Zuschlag bekommen müssen. Fast 7 Mrd. US-$ - mehr als das Doppelte des eigenen Börsenwertes - hätte Friel aufbringen müssen, um sich den wesentlich größeren Konkurrenten einzuverleiben. Das spricht für seinen Mut - oder seine Verzweiflung. Die Investmentbanker von Goldman Sachs misstrauten dem Finanzierungskonzept von Perkin Elmer allerdings. Sie wendeten sich nach Abgabe des Angebotes direkt an Danaher und boten dem Unternehmen den Zuschlag an, wenn es 83,50 Euro bietet. Der Technologieriese schlug sofort ein. Beckman Coulter ging an Danaher. Perkin Elmer bekam keine Chance, das eigene Angebot aufzubessern. Die Firmenehe mit dem größeren Partner sei der bessere "Fit" gewesen hieß es aus Kreisen, die mit dem Bieterprozess vertraut sind.

Breit aufgestelltes Konglomerat

Für Robert Friel fingen die Probleme damit erst an. Die Börse feierte Perkin Elmers Niederlage. Ein Kursanstieg von fast 7% - offenbar war auch unter Anlegern die Sorge groß, das Unternehmen könne sich verheben. Die Analysten kritisieren Perkin Elmers-Markenstrategie seit langem. Das 1937 gegründete Unternehmen mit Firmensitz in Waltham, Massachusetts, gilt als Gemischtwarenladen. Die umfangreiche Produktpalette umfasst die Bereiche "Human Health" und "Environmental Health". Hier finden sich Klinikgeräte zum Screening von Neugeborenen genauso wie Gaschromatographen, Atomabsorptions- und Infrarotspektrometer, LC-Plattformen oder Kapillaren. Kein Wunder, dass rund 3.000 der 6.200 Angestellten damit beschäftigt sind, all die verschiedenen Produkte zu verkaufen.

Bunter Strauß an Übernahmen

Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Firmen übernommen, darunter auch das Geschäft mit Screening-Automaten von Evotec. Zuletzt kaufte Perkin Elmer zwei Firmen zu, die Software zum Datenmanagement entwickelt haben. Gleichzeitig soll der Markenzoo aber kleiner werden. Bereits im vergangenen Jahr wurde Perkin Elmers Geschäft mit LEDs, Beleuchtungen auf Xenon-Basis und Infrarot-Sensoren für rund 500 Mio. US-$ an eine Beteiligungsgesellschaft veräußert. Mit diesem Schritt wurde die Beschäftigtenzahl schlagartig um 2.000 Beschäftigte reduziert - rund ein Drittel der gesamten Belegschaft. Die Einnahmen sollen in Wachstumsmärkte reinvestiert werden. Vor allem das Feld molekulare Diagnostik erscheint dem Management vielversprechend. Ob Perkin Elmer den im Labormarkt ablaufenden Konsolidierungsprozess als selbständige Firma überstehen wird, ist nicht sicher. Die ersten Gerüchte nach dem fehlgeschlagenen Beckman-Gebot stempelten die Firma zum Übernahmekandidaten. Unternehmenschef Friel ließ sofort dementieren. Die Firma stehe nicht zum Verkauf. Sollte der fehlende Vierteldollar aber doch das Ende von Perkin Elmers Selbständigkeit eingeläutet haben, wäre die Tragik für Robert Friel komplett.

http://www.laborwelt.de/aktuelles/firmen-im-fokus/25-cent-fuer-den-gemischtwarenladen.html

Artikel-Archiv

Milliardenschwere Übernahmen sind gang und gäbe im Labormarkt. Grund genug, in dieser LABORWELT-Serie einen Blick auf die wichtigsten Akteure zu werfen. Unter den ungefähr 60 Zukäufen der Charles River Laboratories in den vergangenen fünfzehn Jahren hatte genau eine Übernahme Milliardenformat. Doch bekanntlich füllt auch Kleinvieh den Mistkübel. Und das sogar in doppelter Hinsicht: Zum einen hat sich seit dem Börsengang der US-Firma im Jahr 2000 die Marktkapitalisierung mehr als verfünffacht. Zum anderen reichen die Firmenwurzeln zu ein paar Käfigen mit tausenden Ratten zurück – einem für Forscher eminent wichtigen Kleinviech.

Charles River/Laboratories

Firmengründer Henry (Hank) Foster kaufte die Ratten 1947, um die Bostoner Forscher mit Versuchstieren zu versorgen. Das erste Labor lag am nahen Charles River, der auch für den Firmennamen Pate stand. Heute verfügt Charles River über 64 Standorte in 18 Ländern, darunter vier in Deutschland (Erkrath, Köln, Freiburg und Sulzfeld). Wie vor sieben Jahrzehnten können Forscher auch heute noch die für viele Versuche unabdingbaren Tiere bei der Firma bestellen. Derzeit sind mehr als 150 Ratten-und Mauslinien im Portfolio. Logisch, dass Biotech- und Pharmafirmen sowie Forschungs- und Regierungsinstitute zu den Hauptkunden zählen. Nach eigenen Angaben ist Charles River in irgendeiner Form für alle 100 großen Wirkstoffentwickler des Planeten tätig und war an der Entstehung von mehr als der Hälfte der 2014 und 2015 in den USA zugelassenen 86 Wirkstoffe beteiligt. Registriert ist die Firma im Bundesstaat Delaware. Der Hauptsitz ist jedoch – wenn auch nicht mehr am Charles River – in Massachusetts: nördlich von Boston in Wilmington

1983 verkaufte Henry Foster die börsennotierte Firma für 110 Mio. US-Dollar an den Kontaktlinsen- und Ray-Ban-Brillen-Konzern Bausch und Lomb. Vater und Sohn, seit 1976 ebenfalls in der Firma tätig, richteten sich in Managerrollen ein. Insbesondere James Clifford (Jim) Foster musste sich beweisen. Dass er das Erbe seines Vaters antreten würde, war alles andere als klar. Doch der heute 65-Jährige biss sich durch und wurde nach dem Rücktritt seines Vaters 1992 Vorstandsvorsitzender von Charles River.

Gründersohn schafft Kehrtwende

Auf der Agenda des Juniors standen zwei Dinge: Charles River aus dem Konzern herauslösen und neue Geschäftsfelder erschließen. Letzteres gelang mit dem Aufbau einer Dienstleistungssparte, die präklinische Tests im Auftrage von Pharma- und Biotech-Firmen erledigt. Zunächst war das Wachstum aber moderat, denn Bausch und Lomb hielt die Tochter an der kurzen Leine. Erst als nach einem Wechsel an der Konzernspitze die Karten neu gemischt wurden, bekam Jim seine Chance: Der Buyout 1999 kostete stolze 456 Mio. US-Dollar – das 27-fache des damaligen Umsatzes der Firma. Foster selbst gehörten gerade einmal 2% der Anteile und ein fast 400 Mio. Euro fassender Schuldenberg musste abgetragen werden. Die Lösung: Ein erneuter Börsengang musste her. Im Sommer 2000 gelang dieser – trotz des schwierigen Marktumfelds.

Wie von Fesseln befreit, schwenkte Charles River auf einen von mittlerweile fast 60 Zukäufen befeuerten Wachstumskurs ein. Bestes Beispiel ist der Kauf der US-Firma Inveresk im Jahr 2004 für 1,5 Mrd. US-Dollar. Die Aufkaufwelle dürfte dabei vom Gedanken getragen gewesen sein, dass die Kunden ein breites Technologieportfolio aus einer Hand schätzen. Der organisatorische Aufwand des Outsourcing hält sich so in Grenzen und auch bei Preisverhandlungen entstehen Spielräume. Charles River profitierte dabei in den vergangenen Jahren von dem in den Life Sciences ungebrochenen Trend, Forschungsaufgaben jenseits der Kernkompetenz auszulagern. Der bislang zweitgrößte Deal der Firmengeschichte erfolgte Anfang 2016: Für 585 Mio. US-Dollar in bar gelang die Übernahme des 1.300 Köpfe zählenden britischen Auftragsforschungs- und -herstellungsunternehmens WIL Research. Aber auch in Deutschland wurde Charles River fündig. Hier wurde jüngst die Freiburger Oncotest GmbH für 36 Mio. US-Dollar geschluckt. 

Dass sich Charles River neuen Wachstumsfeldern jenseits der präklinischen Forschung öffnen will, machte zuletzt die Übernahme von Celsis (Großbritannien) für 212 Mio. US-Dollar deutlich. Mit deren Tests zur Qualitätskon­trolle von Kosmetika und Getränken ist ein Schwenk auf die Testung von nicht-sterilen Verbraucherprodukten erkennbar. Das Geschäft mit der Kontrolle auf  Toxin- und sonstige Verunreinigungen macht mittlerweile 10% des Gesamtumsatzes aus. Mit dieser Blickfelderweiterung dürfte jener Bereich künftig kräftig wachsen.

© laborwelt.de/ml

Milliardenschwere Übernahmen sind gang und gäbe im Labormarkt. Grund genug, in dieser LABORWELT-Serie einen Blick auf die wichtigsten Akteure, ihre Strategien und Deals zu werfen. Prinzipiell gibt es bei Branchenprimus Thermo Fisher keinen Strategieschwenk zu erkennen. Warum auch? Wie 2010 („Hungriger Hecht im Karpfenteich“) und 2013 („Die Happen werden größer“) folgt Thermo auch 2016 noch der Devise schlucken, verdauen, wachsen. Der Kauf des Microarray-Herstellers Affymetrix, Inc. ist in Bezug auf die Größe alles andere als beachtlich. Mit einem Preis von 1,3 Mrd. US-$ kosten die Kalifornier nicht einmal 10% von dem, was damals für Sequenzierungsspezialist Life Technologies aufgeboten werden musste. Interessant ist der Deal dennoch, denn für Affymetrix gab es kurzfristig noch einen anderen Kaufinteressenten. Der

wedelte mit 1,5 Mrd. US-$ – und hatte dennoch das Nachsehen.

Affymetrix

Kaufpreis und übernommene Schulden summierten sich bei Life Technologies vor drei Jahren auf 15,3 Mrd. US-$. Nicht wenige orakelten, dass sich das Geschäft wohl kaum rechnen werde – und lagen damit falsch. Die erworbene Sequenzierungssparte bildet den Kern von Thermos „Life Science Solutions“, die 2015 ein Viertel des Umsatzes von 17 Mrd. US-Dollar beisteuerte. Das organische Wachstum lag 2015 bei 5% und somit 2% über den Schätzungen. Summa summarum hätten die Synergieeffekte der Akquisition auf Ausgaben- und Einnahmenseite laut Fahrplan zu insgesamt 175 Mio. US-$ Gewinn führen sollen. Unter dem Strich stehen für das Vorjahr aber deutlich beeindruckendere 220 Mio. US-$, was auch Firmenchef Marc Casper im Jahresbericht lobend erwähnte: „Die Erwartungen waren nach dem Kauf von Life Technologies hoch. Was den aktuellen Verlauf der Integration angeht, könnten wir zufriedener nicht sein.“

Die Verdauungsphase begann zunächst mit zwei Bäuerchen: Im Zuge des Anfang 2014 abgeschlossenen Life-Tech-Kaufs musste Thermo als Kartellauflage das Geschäft mit Seren, Medien, Genregulierungsprodukten und Magnetkügelchen an GE Healthcare abgeben. Das spülte im März 2014 rund 1,06 Mrd. US-$ in die leere Kasse. Im Sommer gab Thermo dann noch Cole-Parmer, die Sparte für den Vertrieb von Flüssigkeitsmanagement- und Elektrochemie-Produkten, für 480 Mio. US-$ an die Beteiligungsfirma GTCR ab. Auch danach waren für Thermo nur ein paar Appetithäppchen drin. Anfang 2015 wurde die Bioprozesstechnik mit dem Kauf von Advanced Scientifics, Inc. (USA) gestärkt – einem Anbieter von kundenspezifischen Einwegsystemen für die Biopharma-Industrie. Im Sommer kam der britische Chemikalienanbieter Alfa Aesar für 403 Mio. US-$ noch dazu.

Erst mit der Ankündigung, Affymetrix übernehmen zu wollen, schaltete Thermo Anfang 2016 wieder einen Gang höher. Besonders gut würde sich das Thermo-Logo auf Affymetrix‘ Antikörpern, Durchflusszytometrie-Assays und Einzelzellapplikationen machen, hieß es aus der Zentrale in Waltham im US-Bundesstaat Massachusetts. Die darbende Affymetrix hatte sich Ende 2014 erst nach langwierigen Verhandlungen mit verschiedenen Interessenten auf Thermo eingeschossen. Bei einem Jahresumsatz von 350 Mio. US-$ schleppten die einstigen Erfinder des DNA-Microarrays zuletzt einen Schuldensack von 500 Mio. US-$ und der Aktienpreis war mit 9 US-$ Lichtjahre vom Rekordhoch 160 US-$ im Jahre 2000 entfernt. Somit deutete alles auf einen geregelten Ablauf hin.

Ex-Angestellte mit Gegenangebot

Doch dann stieg Origin Technologies Corp. Ende März mit einem aufgepeppten Last-Minute-Angebot in den Ring: 17 US-$ statt 14 US-$ pro Affymetrix-Aktie standen am Brett. Aufgrund einer lax formulierten Ausschließlichkeitsklausel ließ die Umworbene Thermo überraschenderweise erst einmal stehen und verschob die Abstimmung der Aktionäre über Thermos Angebot. Origin ist ein eigens für den Affymetrix-Erwerb aufgesetztes Firmenkon­strukt, das mit der ebenfalls in Kalifornien angesiedelten Centrillion verbandelt ist. Mit CEO Wei Zhou und anderen Managern sind bei Origin und Centrillion ehemalige Affymetrix-Angestellte am Ruder. Als Investor hatte Origin die in China ansässige Summitview Capital ins Boot geholt – und verschreckte damit wohl Affymetrix. Getreu dem Motto, besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach zu haben, verwies die Firma auf die kaum transparenten Zulassungs- und Finanzierungsregeln in China. Damit war der Weg wieder frei für Thermo – und der Deal nach zwei turbulenten Wochen mit dem Segen der Affymetrix-Aktionäre am
31. März unter Dach und Fach.

© laborwelt.de/ml

Milliardenschwere Übernahmen sind gang und gäbe im Labormarkt. Grund genug, in dieser LABORWELT-Serie einen Blick auf die wichtigsten Akteure, ihre Strategien und Deals zu werfen. Eine in dieser Reihe eher selten beleuchtete Strategie verfolgt Mettler-Toledo. Der Hersteller von Wägesystemen für Labors, die Industrie und den Lebensmittelhandel setzt seit Jahren auf organisches Wachstum. Nur vereinzelt pickt der Schweizer Konzern ein schimmerndes Korn auf, um damit seine Angebotspalette zu schmücken. Anfang des Jahres wurde das erst 2011 gegründete US-Start-up Instant Bioscan aufgespürt und aufgekauft. Mettler-Toledo-Chef Olivier Filliol rühmte sich daraufhin, der einzige Komplettanbieter von Technologien zur Überwachung der drei behördlich vorgeschriebenen Wasserreinheitsparameter zu sein. Der Konzern will damit in erster Linie bei Pharmaunternehmen punkten.

Mettler-Toledo

Darf ultrareines Wasser bei der Herstellung von Arzneimitteln zum Einsatz kommen? Die Antwort hängt wesentlich von den Ergebnissen dreier Messungen ab: der Bestimmung der elektrischen Leitfähigkeit, des Gesamtgehalts an organischem Kohlenstoff und der (nicht) vorhandenen Menge an Mikroorganismen. Mit dem Bioburden Analyzer von Instant Bioscan hat Mettler-Toledo nun ein Laser-basiertes Mikroben-Detektionssystem ins Haus geholt, das sogar Echtzeitergebnisse liefert. Zugeschlagen wird es der Abteilung Mettler-Toledo Thornton, die Online-Messgeräte für die Reinwasseraufbereitung in der Pharmaindustrie, der Halbleiterbranche sowie der industriellen Dampf- und Strom­erzeugung anbietet. Mit diesem geschätzt 30 Mio. US-Dollar leichten Zukauf baut Mettler-Toledo weiter auf das Wassergeschäft, das erst 2001 durch den Erwerb der bis dahin eigenständigen Firma Thornton ins rechte Licht gerückt wurde. Zwar hat Mettler-Toledo neben der Wasseranalytik noch eine ganze Reihe anderer Instrumente und Messgeräte wie Titrierautomaten, pH-Meter, Pipetten und Thermoanalyse-Geräte im Angebot, doch am wichtigsten und bekanntesten sind ohne Zweifel die Wägesysteme der Firma.

Waagen-Geschäft mit zwei Keimzellen

Geschichtlich betrachtet bilden sie die doppelte Keimzelle der Firma – sowohl bei der Mettler- als auch bei der Toledo-Seite des Konzerns. In der Schweiz fing alles im Jahre 1945 an. Damals hatte der Eidgenosse Erhard Mettler eine einschalige Waage konzipiert, die auch in Serie hergestellt noch auf ein Zehnmillionstel Gramm genau maß. Die Tage der traditionellen zweischaligen Präzisionswaage waren damit gezählt. Der Feinmechaniker gründete mit der Mettler Instrumente AG seine eigene Firma, die auch in der Folge mehrfach für Aufsehen sorgte – unter anderem 1973 mit der Kons­truktion der weltweit ersten elektronischen Präzisionswaage. Mettler leitete bis 1980 das Familienunternehmen, danach verkaufte er alle Aktien an die Baseler Ciba-Geigy AG und ging in den Ruhestand.

Börsengang 1997

Der größte Wachstumsschub folgte unter Ciba-Geigys Regie 1989 durch die Fusion mit der Toledo Scale Corporation. Die US-Firma war zu dem Zeitpunkt ein führender Hersteller von Industriewaagen. Nach dem Zusammenschluss hatte die mittlerweile im US-Bundesstaat Delaware eingetragene Firma den neuen Namen Mettler-Toledo und zwei Firmensitze. Die operative Hauptzentrale befindet sich in Greifensee in der Schweiz. Von Columbus (Ohio) aus werden das Nordamerikageschäft und seit dem Gang an die New York Stock Exchange 1997 auch die gesamten Börsenaktivitäten des Konzerns dirigiert. Toledos Geschichte reicht übrigens noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück: Gründer Henry Theobald hatte 1901 eine Ladenwaage mit automatischer Gewichts- und Preisanzeige auf den Markt gebracht.

Auch wenn der Geschäftsbericht für 2015 noch in Arbeit ist, die Umsätze sind dem Vernehmen nach im Vergleich zum Vorjahr (siehe Kasten) um 4% auf 2,4 Mrd. US-Dollar geschrumpft. Verantwortlich seien hier vor allem die Wechselkurseffekte. Ohne diese stünde ein Plus von 3% unter dem Strich – ein Wert, der auch für das laufende Jahr angepeilt wird. Dass das schwierige Marktumfeld – vor allem die nachlassende Nachfrage in Russland und Brasilien macht der Firma zu schaffen – auch an den etwa tausend Mitarbeitern in der Schweiz nicht spurlos vorübergeht, machen einige „Maßnahmen zur Wettbewerbsstärkung“ deutlich: So wurde eine Werksschließung beschlossen, die Wochenarbeitszeit bei gleichem Lohn auf 42 Stunden erhöht, die Wegpauschale gestrichen und die Brückentage gekürzt. Die Mitarbeiter dürften damit vorerst genug reinen Wein eingeschenkt bekommen haben. Jetzt heißt es, zusammen mit ihrer Firmenleitung auf das Geschäft mit dem reinen  Wasser zu hoffen.

© laborwelt.de/ml

Vor zwei Jahren kündigte die US-Firma Agilent an, sich von ihrem Elektronikgeschäft und damit von ihrem vermeintlichen Hemmschuh zu trennen (siehe LABORWELT 4/13). Das Projekt wurde planmäßig umgesetzt und als Keysight Technologies Inc. hält sich der an der NYSE notierte Verstoßene wacker. Bei Agilent selbst war hingegen nichts von der erhofften Befreiung zu spüren. Der Konsolidierungskurs setzte sich zunächst mit der Schließung des Bereichs Kernspinresonanztomographie vor einem Jahr fort. Nach der Wachablösung an der Firmenspitze von Bill Sullivan durch Eigengewächs Mike McMullen im März 2015 ließ Agilent Anfang September zum ersten Mal seit langer Zeit mit einer offensiven Nachricht aufhorchen. Mit dem Zukauf von Seahorse Bioscience (USA) holt sich die Firma Produkte zur Untersuchung des Stoffwechsels von Zellen ins Haus.

Zdf/Wikipedia Commons

Ob sich Agilent auf lange Sicht am Seepferdchen erfreuen kann, wird von Analystenseite skeptisch beurteilt. Moody‘s bekrittelte beim schuldenfinanzierten Erwerb von Seahorse Bio­science (Billerica, Massachusetts) den „sehr hohen Aufschlag“. Mit einem Kaufpreis von 235 Mio. US-$ (210 Mio. Euro) in bar und einem geschätzen Jahresumsatz von 49 Mio. US-$ hat Agilent Seahorse in Bezug auf das Verhältnis von Jahresumsatz zu Kaufpreis wertvoller eingeschätzt als 2012 Dako A/S. Für die dänische Firma wurden damals 2,2 Mrd. US-$ aufgeboten (373 Mio. US-$ Umsatz).

Die junge Geschichte Agilents begann 1999. Damals hatte der IT-Pionier Hewlett-Packard Co. (USA) verschiedene Randgeschäfte in die neue Firma ausgegliedert. Mit dem Beginn der Restrukturierung des Sammelsuriums an Geschäftsbereichen bei Agilent wurde verstärkt auf die Karte Biowissenschaften gesetzt. Mit dem Dako-Kauf gelang Agilent hier eine geschickte Portfolioerweiterung. Doch nicht immer war das Händchen des Managements so glücklich. Bereits im Sommer 2009 holte man 1,5 Mrd. US-$ aus der Schatulle, um sich den Bioanalytik-Anbieter Varian Inc. (USA) einzuverleiben. Varians Aktionäre konnten sich damals über einen Aufschlag von 35% auf den Preis ihrer Beteiligungspapiere freuen. Ruck, zuck hatte sich Agilent 3.300 Mitarbeiter und deren Know-how in den Bereichen Massenspektrometrie, Gas- und Flüssigkeitschromatographie sowie Röntgenstrahlen-, Kernspinresonanz (NMR)- und Magnetresonanz-Bildgebung gesichert. Doch die unbekannten Märkte machten Agilent zu schaffen. Das NMR-Geschäft rutschte zum Beispiel in die roten Zahlen, so dass der Konzern im Oktober 2014 die Reißleine zog und 300 Angestellte sich auf der Straße wiederfanden. Auch für die Nutzer der Technologie war die Entscheidung ein „Erdbeben“, denn damit gibt es weltweit nur noch zwei NMR-Anbieter: JEOL (Japan) und mit 90% Marktanteil Bruker (USA).


Seahorse als Hoffnungsträger

Mit dem Zukauf, der im November unter Dach und Fach sein soll, holt sich Agilent 200 neue Mitarbeiter ins Haus. Laut Patrick Kaltenbach, Präsident von Agilents Life Sciences und Applied Markets Group, ergänzt das Portfolio von Seahorse Bioscience die Bereiche Separationstechnologien und Massenspektrometrie „perfekt“. Egal ob Atmungskette oder Glykolyse – die Assays von Seahorse analysieren den Stoffwechsel von Zellen in Echtzeit.


Fressen oder gefressen werden

Kunden aus Pharma- und Biotechbranche können damit die Wirkung ihrer Wirkstoffkandidaten auf kranke und gesunde Zellen untersuchen. Auch wenn Agilent mit diesem Deal endlich wieder das Momentum auf seiner Seite hat, der große Wurf ist das Seepferdchen freilich noch nicht. Der nach zwei Quartalen für 2015 prognostizierte Umsatz liegt mit 4,05 bis 4,11 Mrd. US-$ nur marginal über dem des Vorjahres. Gut möglich, dass die reichlich vorhandenen Barreserven für weitere Zukäufe genutzt werden. Allerdings sollte auch in die andere Richtung gedacht werden: Nach der jüngsten Verschlankungskur ist Agilent selbst für mehr und mehr Firmen ein interessantes Übernahmeziel geworden.    

© laborwelt.de/ml

Der Filterspezialist Pall Corp. hatte sich in den vergangenen Jahren einen Namen als schnellwachsendes Bioprozesstechnik-Unternehmen gemacht. Doch statt 2015 die Einkaufstour auf eigene Rechnung fortzusetzen, entschied die Führungsebene, dass die Wachstumsaussichten innerhalb des Danaher-Konzerns deutlich besser sind. Für Danaher ist die 13,8 Mrd. US-Dollar-Rechnung für die geplante Hochzeit kein Pappenstiel. Gelingt die Fusion, soll das Unternehmen in zwei börsennotierte Ableger gespalten werden. Das mittlerweile wichtigere Life-Sciences-Geschäft darf den Namen behalten.

Pall Corporation

Mit mehr als 400 Marken ist ein Kern des Danaher-Konzerns nur schwer auszumachen. 1969 als Investmentgesellschaft für Immobilien entstanden, beschlossen die Milliardärsbrüder Steven und Mitchell Rales Anfang der 80er Jahre nach einem Angelausflug, die von ihnen übernommene Firma auf eine neue Geschäftsgrundlage zu stellen: Ab sofort sollte etwas Handfestes produziert werden. 1984 wurde die Firma nach dem Ort der Eingebung – ein Flüsschen in Montana (USA) – in Danaher umbenannt. Bis 1986 schnappten sich die Brüder 14 Firmen, darunter Hersteller von Reifen, Vinylteilen für den Hausbau und Motorbremsen. Bis 1994 stieg der Umsatz von 300 Mio. US-Dollar auf 1 Mrd. US-Dollar. Zehn Jahre darauf lag er bei 7 Mrd. US-Dollar, und zum 30. Geburtstag der mittlerweile in Washington D.C. ansässigen Firma wurden knapp 20 Mrd. US-Dollar erreicht.


Leica als Appetithappen

Der Einstieg in die Life Sciences erfolgte 2005 mit dem Kauf des Wetzlarer Optik-Profis Leica Microsystems für 440 Mio. Euro. Der Paukenschlag in diesem Gebiet gelang 2011 mit dem Aufkauf von Beckman Coulter für 6 Mrd. US-Dollar (siehe LABORWELT 3/2012). Auch danach gierte der Konzern nach Übernahmen in den Life Sciences, die als besonders renditestark gelten. Das beste Beispiel aus dem Vorjahr ist die Übernahme der 400-Köpfe-Firma Devicor Medical Products durch Danahers Tochter Leica Biosystems. Mit den minimalinvasiven Biopsieentnahmegeräten erweitert sich das Portfolio von Leica Biosystems in den Bereich Medizintechnik.  Aus Konzernsicht war 2014 aus zwei Gründen bemerkenswert: Zum einen verließ der langjährige Chef Larry Culp den Kommandostand und machte Platz für das Danaher-Eigengewächs Thomas Joyce. Zum anderen wurde mit dem Kauf des Schweizer Zahnimplantateherstellers Nobel Biocare für 2,2 Mrd. US-Dollar mal eben ein neuer, fünfter Geschäftsbereich angedockt. Dass dafür kurz darauf der Bereich „Tests und Messtechnik“ durch einen ähnlich dimensionierten Verkauf diverser Abteilungen gestutzt wurde, galt als erster Fingerzeig, wohin die Reise für Danaher gehen soll.

Mit dem Pall-Deal, dem größten Zukauf der Firmengeschichte, wurde im Frühsommer 2015 aus dem Fingerzeig Gewissheit: Danaher will sich von seinen Wurzeln trennen und die traditionellen Bereiche Tests/Messtechnik und Industrietechnik in eine neue, ebenfalls börsennotierte Firma einbringen. Nach dem Zukauf bezeichnet sich Danaher nun als „Unternehmen des Wissenschafts- und Technologiewachstums“. Palls Geschäft mit Filtern für Entsalzungsanlagen, Flugzeuge und Gesundheitsanwendungen passt Analysten zufolge gut zu Danaher, doch der Preis von knapp 14 Mrd. US-Dollar (12,3 Mrd. Euro) war dafür auch happig. Wenn die Behörden einverstanden sind, soll die Übernahme noch in diesem Jahr vonstatten gehen und die Aufspaltung Ende 2016 abgeschlossen sein. Pall kam 2014 auf 2,8 Mrd. US-Dollar Umsatz – und behielt davon mit 364 Mio. US-Dollar immerhin 13% der Erlöse als Überschuss ein. Nach der Zweiteilung wird Danaher etwa 16,5 Mrd. US-Dollar, die Neugründung ungefähr 6 Mrd. US-Dollar Umsatz erwirtschaften.


Mit Zukäufen ins Rampenlicht

Pall hatte sich mit einer Reihe von geschickten Firmenzukäufen ins Rampenlicht geshoppt: Unter der Ägide von Larry Kingsley wurde ab 2013 vor allem die Bioprozesstechnik ausgebaut. Durch den Erwerb von Medistad (Niederlande), Solohill Engineering und der Life-Sciences-Sparte von ATMI (beide USA) wurde die Produktpalette im Bereich der Einwegbioreaktoren komplettiert. Bei einem erfolgreichen Verkauf an Danaher verlässt Kingsley Pall – und nimmt 109 Mio. US-Dollar Abschiedsgeld mit. Das dürfte erst einmal reichen, um ein paar dringende Privateinkäufe zu erledigen.

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Nicht immer sind es die großen Konzerne, die den Takt vorgeben. Gerade im stark zersplitterten Labormarkt können auch Familienunternehmen rasant wachsen. Im Vergleich zu den großen Laborausrüstern kommt der Plastik-Spezialist Greiner Bio-One ausgesprochen wendig daher. Die Firma Greiner wurde zwar bereits 1868 – als ein schwäbisches Kolonialwaren- und Eisenwarengeschäft – gegründet, doch erst 1963 setzte sie auf das Thema Labortechnik. Das Geschäft mit Kunststoff-Petrischalen entwickelte sich hervorragend. Nach einem Intermezzo als eine selbständige, auf die Life Sciences spezialisierte Firma zwischen 2001 und 2013 – der Greiner Bio-One International AG – gehört sie als eine GmbH mittlerweile wieder zur Greiner Holding AG. Damit ist auch klar: Der damals gerüchteweise angedachte Gang der Labortechnik an die Börse ist erst einmal vom Tisch. Der ist auch gar nicht nötig, denn die zu 100% im Familienbesitz befindliche Firma wächst auch ohne externes Kapital. Nötige Investitionen werden über den positiven Cashflow finanziert.

Greiner Bio-One

Was haben die Tötung einer 63-Jährigen 1993 in Idar-Oberstein und ein Einbruch 2007 bei einem Optiker im 700 Kilometer entfernten Gallneukirchen bei Linz gemeinsam? Beide Verbrechen gehören zu einer Serie von stolzen 40 Delikten, die vermeintlich von einer einzigen Person verübt wurde. Nach monatelanger Suche wurde diese 2009 ausfindig gemacht: Es handelte sich um eine Angestellte einer deutschen Verpackungsfabrik, die für Greiner Bio-One von Hand Wattestäbchen auf Verschlussstopfen montiert. Natürlich steckte nicht sie hinter den Verbrechen. Ihre omnipräsente DNA machte die Polizei schmerzhaft darauf aufmerksam, dass für bakteriologische Abstriche vorgesehene Stäbchen nicht für DNA-Tests verwendet werden sollten. Greiner kam aus dem Fall des „Heilbronner Phantoms“, benannt nach einem Mord in Heilbronn, relativ unbeschadet davon, obwohl einige Chargen der Abstrichbestecke offenbar fälschlicherweise als DNA-frei gekennzeichnet worden waren.

Von dieser Anekdote abgesehen taucht Greiner nur selten in den Medien auf. Die nach der Fusion der deutschen und österreichischen Firmen in den 1980er Jahren von Kremsmünster aus geführte Holding wächst organisch, Firmenzukäufe sind die Ausnahme. Die Wendigkeit, mit der Greiner auf veränderte Gegebenheiten reagiert, wird zum Beispiel bei der Sparte Greiner Bio-One deutlich. Vier Bereiche gehören zusammen mit dem Sterilisationsdienstleister Mediscan zu dieser Sparte: BioScience (Zellkulturzubehör, Mikrotiterplatten für Hochdurchsatzanwendunge), Preanalytics (Probenentnahmesysteme für Blut, Urin und Speichel zur Anwendung in Kliniken, Diagnostik-laboren und Arztpraxen), Diagnostics (Biochips für zum Beispiel Genotypisierungen) und – über alle Bereiche hinweg – OEM-Dienstleistungen. Die beiden letztgenannten Bereiche wurden erst in den vergangenen Jahren neu eingerichtet, um auf die Kundennachfrage zu reagieren.


Das Ende einer 142-jährigen Ära

Auch die großen Sparten werden als Ganzes oft neu positioniert. Beispiel Greiner Bio-One: Die Medizin- und Labortechniksparte wurde 2001 wohl mit Hinblick auf einen möglichen Börsengang ausgegliedert und jahrelang als eigenständige Holding geführt – auch noch 2013 (siehe Box). Mit dem Ende eines groß angelegten Umstrukturierungsprozesses wurde 2010 bekannt, dass Bio-One zusammen mit den anderen vier Sparten – Packaging International (Verpackungen), Foam International (Schaumstoffe), Tool.Tec (Maschinenbau) und Perfoam (Fahrzeuginnenausbau) – ab 2014 wieder unter dem Dach einer Holding geführt wird.


Familie holt Externen ins Boot

Auch in anderer Hinsicht überraschte der Reformprozess: Angefangen beim Krämerladen des Ehepaares Carl Albert und Emilie Greiner über die Korkstopfenfabrik des Sohnes Hermann wurde die Firma über fünf Generationen von einem Familienmitglied geführt. Damit war 2010 Schluss. Da in der familieninternen Kaderschmiede, in der Firma als „Goldfischteich“ bezeichnet, kein geeigneter Kandidat zu finden war, wurde 2009 mit Axel Kühner ein Daimler-Manager in den Vorstand geholt und ein Jahr später als erster externer Vorstandsvorsitzender an der Spitze installiert. Die 43 Familienaktionäre halten freilich über einen Gesellschafterrat, der die Besetzung des Aufsichtsrats kontrolliert, weiter alle Fäden in der Hand. Seine Feuertaufe muss Kühner gerade in einem millionenschweren Streit mit dem 2011 zwangsabgelösten Geschäftsführer – und bis dahin unangefochtenen Doyen – der Sparte Bio-One, Franz Konrad, bestehen: Greiner wirft ihm vor, Verträge mit Dritten zu für Greiner extrem ungünstigen Bedingungen abgeschlossen zu haben.

Insgesamt arbeiten die 1.700 Mitarbeiter von Bio-One an 24 Standorten, an 7 davon wird produziert – seit 2013 auch in Thailand. Das Europa-Geschäft wird mit einer 2017 in Betrieb gehenden Erweiterung für das Werk in Mosonmagyaróvár (Ungarn) gestärkt. 6,5 Mio. Euro fließen in den Bau der neuen Halle. Bei einem positiven Cashflow von 42 Mio. Euro 2013 kommt der Betrag de facto aus der Portokasse. Jedoch wurde 2013 mit 15 Mio. Euro deutlich vorsichtiger in die Sparte investiert als im Vorjahr (33 Mio. Euro). Trotzdem ist derzeit kein Grund in Sicht, warum Greiner Bio-Ones Strategie organischen Wachstums bei organisatorischer Flexibilität nicht auch 2014 für ein weiteres Umsatzplus sorgen wird. Das wäre dann bereits das fünfte Mal in Folge.

© laborwelt.de/ml

Weitestgehend familiär geführt ist die Merck KGaA weltweit einer der wenigen Konzerne, die sich auf mehreren Geschäftsfeldern tummeln. Seit der Übernahme der Millipore Corp. (USA) 2010 hat der Konzern vier Standbeine. Mit einem Umsatzanteil von mehr als der Hälfte ist die Pharmasäule Merck Serono mit Abstand am wichtigsten, doch mit 25% hat sich die Sparte für Life-Sciences-Bedarf, Merck Millipore, auf Rang zwei etabliert. Die Geschäfte mit Performance Materials und mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten (Consumer Care) kommen zusammen nur auf 20%. Mit dem im Herbst 2014 angekündigten Kauf des Laborausrüsters Sigma-Aldrich für 13,1 Mrd. Euro bekommen die Life Sciences zweifelsfrei noch mehr Schlagkraft. Auch wenn Merck für Millipore mit 5 Mrd. Euro deutlich weniger Geld lockermachen musste, in vielerlei Hinsicht gleichen sich beide Deals wie ein Ei dem anderen.

Merck Millipore

Gehen die Pläne der Manager von Merck und Sigma-Aldrich auf, dann entsteht mit knapp 20.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 4,7 Mrd. Euro ein Laborausstatter von veritabler Größe – und Marken wie Isotec (Isotopenmarkierung), Sigma-Aldrich Fine Chemicals (SAFC, Zellkultur), Fluka und Riedel-de Häen (beide Standardreagenzien) wechseln den Besitzer. Bisher stehen die Zeichen für das Gelingen gut. Nach der Ankündigung des für Merck größten Deals der Firmengeschichte im vergangenen September haben mittlerweile die Aktionäre von Sigma-Aldrich und das US-Kartellamt den Plänen ihren Segen erteilt, und alles deutet darauf hin, dass die Transaktion wie angekündigt bis Mitte 2015 abgeschlossen sein wird. Auch der Umbau des Darmstädter Konzerns ist in vollem Gange. So soll der Bereich Consumer Healthcare in Merck Serono aufgehen. Damit wird Merck nur noch in drei Segmente untergliedert: Healthcare, Performance Materials und Life Sciences. Ob die Unternehmensleitung der neu strukturierten Life-Sciences-Sparte in Billerica (Massachusetts) verbleibt oder an die Sigma-Aldrich-Zentrale in St. Louis (Missouri) wechselt, ist noch unklar.


Zukäufe nicht ausgeschlossen

Rückblickend war die Übernahme Millipores ein Erfolg. So entwickelte sich der Umsatz der Sparte Merck Millipore positiv: Seit dem Zusammenschluss stieg er um knapp 25% auf 2,6 Mrd. Euro. 2010 musste Merck das 15-fache des Jahresgewinns aufbieten, um die – auf Umsatz und Mitarbeiter im Bereich Laborausstattung bezogen – etwas größere Firma Millipore zu schlucken. Für die in etwa ebenbürtige Sigma-Aldrich ist es nun gar das 20-fache. Die Rechnung könnte dennoch aufgehen. Heute wie damals müssen Schulden und eine Rückstufung im Rating in Kauf genommen werden. Der Finanzchef des Merck-Konzerns, Marcus Kuhnert, schließt deshalb in den kommenden drei Jahren für alle Sparten größere Zukäufe aus. Kleinere Übernahmen und Lizenzdeals seien aber kein Problem. 2011 hatte Merck Millipore für 100 Mio. Euro das Geschäft mit Fertignährböden und Instrumenten zum Hygienemonitoring von der Dreieicher Biotest AG sowie den Durchflusszytometer-Spezialisten Amnis (USA) erworben. Im Jahr darauf schluckte die Sparte für insgesamt 22 Mio. Euro den Berliner Medienhersteller Biochrom AG sowie die Mikrofluidik-Firma CellASIC Corp. (USA).


Einsparungen durch Synergie-Effekte

Für Merck dürfte eine Reihe von Gründen dafür gesorgt haben, den Kauf von Sigma-Aldrich durchzudrücken. Die markant mit rot-weißen Etiketten versehenen Sigma-Produkte kennt und schätzt jeder, der einmal in seinem Leben eine Pufferlösung angesetzt hat. Neben dem beeindruckenden Portfolio von 230.000 Basis- und 40.000 Ausstattungsprodukten und deren gutem Ruf punkten die US-Amerikaner mit hervorragenden Geschäftskennzahlen. Merck schätzt, dass durch den Zusammenschluss 260 Mio. Euro durch Synergie-Effekte eingespart werden können. Vor allem das ausgeklügelte IT-System der US-Amerikaner – allen voran der Onlinehandel – scheint Mercks Systemen überlegen. Kuhnert hofft, dass die Profitabilität der Life-Sciences-Sparte langfristig die überdurchschnittlichen Werte Sigma-Aldrichs erreicht.


Ähnliche Unternehmenskultur

Auf die Einwände von Analysten, dass sich Merck mit dem Fokus auf Laborausrüstung langfristig auf ein Geschäft mit relativ geringen Wachstumsraten konzentriere, reagierte Konzernchef Karl-Ludwig Kley gelassen: „Vor allem in den aufstrebenden Märkten werden immer mehr Labore eröffnet. Auch wächst dort die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Forschung.“ Die Zahlen geben ihm recht. Im dritten Quartal erzielte Merck in den Schwellenländern stolze 40% seiner Erlöse. Im Gesamtjahr 2014 soll mit bis zu 11,2 Mrd. Euro Konzernumsatz nach einem Jahr der Stagnation unter dem Strich wieder ein Plus stehen. Auch die Verantwortlichen bei Sigma-Aldrich hoffen, dank Merck die Produkte noch besser vertreiben zu können. Merck ist in 66 Ländern aktiv, die US-Amerikaner in 37. Kley zufolge waren sich beide Firmen schnell einig: „Da sich die Unternehmenskulturen und -ziele ähneln, konnten wir uns schon innerhalb weniger Wochen über das gemeinsame Vorgehen verständigen.“ Auch an der Börse wurden die Pläne goutiert. Anfang 2015 kostete die Merck-Aktie 87 Euro und die Firma erreichte damit eine Marktkapitalisierung von 38 Mrd. Euro – mehr als doppelt so hoch wie vor fünf Jahren. Es scheint, als ob Merck Millipore sein Scherflein zum Erfolg des 2011 gestarteten Effizienzprogramms „Fit für 2018“ beitragen wird. Dann feiert der Merck-Konzern einen runden Geburtstag. Die 1668 gegründete Firma wird 350 Jahre alt.

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Nach Jahrzehnten im Dornröschenschlaf scheint die Firma Sysmex aus dem japanischen Kobe seit etwa zehn Jahren wachgeküsst. Ihre Hämatologie-, Hämostase- und Urinanalyse-Geräte werden mittlerweile in der ganzen Welt verkauft – unter anderem durch Vertriebspartnerschaften mit Roche oder Siemens. Jetzt setzt auch die technologische Expansion ein. Nach der Aufnahme von Geräten zur automatisierten Immunhistochemieanalyse ins Portfolio greift Sysmex den Laborgerätemarkt auch aus der Richtung Durchflusszytometrie an. Den Startschuss gab 2013 die Übernahme der deutschen Firma Partec. Die verkaufte ihre kompakten Geräte bisher vorwiegend in Afrika. Mit Sysmex‘ Organisations- und Finanzkraft im Rücken sollen sie nun auch in den Laboren Europas Einzug halten.

Sysmex

Die Ursprünge von Sysmex liegen im Jahr 1934. Mit der Herstellung und dem Vertrieb von Megaphonen verdiente sich TOA Electronics damals die ersten Sporen. Den Beschallungsspezialisten gibt es noch heute. Die 3.000 Mitarbeiter produzieren Verstärker, Konferenzsysteme und Sprachalarmanlagen. Auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern stieg die japanische Firma 1968 in das Medizintechnik-Geschäft ein, trennte die beiden Aktivitäten aber bereits vier Jahre später.

Die Medizintechnikfirma wuchs unter dem Namen Toa Electric Co. über die Jahre stärker als die Mutterfirma und beschäftigt heute 6.000 Mitarbeiter. Die Umbennennung in Sysmex erfolgte 1998. Der Grund: Für viele Kunden war die Firma synonym mit der wichtigsten, bereits 1978 eingeführten Produktlinie, den Sysmex-Hämatologie-Instrumenten. Hier liegt auch heute noch die Kernkompetenz der Firma. Bis Mitte der 80er Jahre blieb die Entwicklung beschaulich, doch dann erkannte Sysmex das Potential einer größeren Automatisierung der Blutdiagnostik. Die Bestimmung von Blutparametern wie der Zahl, Größe und Art von Blutkörperchen durch Labortechniker erfolgte mit den neuen Geräten, ohne in Kontakt mit den Blutproben zu kommen, was zu einem deutlichen Rückgang der Infektionszahlen in dieser Berufsgruppe führte. In den 90er Jahren expandierte die Firma zunächst vor allem geographisch. Zum Ende des Geschäftsjahres 2014 verbuchte Sysmex zum 14. Mal in Folge eine Umsatzsteigerung. Erwirtschaftete die Firma 2004 noch umgerechnet 480 Mio. Euro, schaffte sie 10 Jahre später schon knapp das Dreifache. Mit 60 Gesellschaften in 38 Ländern hat Sysmex bisher Geräte in fast alle Länder des Erdballs verkauft (170). Um weiter so konstant zu wachsen, wendet sich CEO Hisashi Ietsugu seit einiger Zeit verstärkt der personalisierten Medizin zu. So läuft seit 2013 eine Kooperation mit Japans Nationalem Krebszentrum zur Entwicklung neuer Reagenzien für die In-vitro-Diagnostik (IVD). Auch die IVD-Produktion wurde ausgebaut: Mitte 2014 eröffnete in Japan eine neue Fabrik, die die Kapazitäten auf das Dreifache des bisherigen Niveaus schraubt.

Den deutlichsten Schritt in Richtung Companion Diagnostics machten die Japaner aber in Deutschland. Sysmex war hier lange Zeit relativ unbekannt – obwohl die Region Europa für Sysmex enorm wichtig ist. Die in Norderstedt bei Hamburg beheimatete Sparte trägt 40% zum Gesamtumsatz bei. Sysmex fungierte bisher vor allem als Kooperationspartner: Seit Mitte der 90er Jahre unterhält Sysmex mit dem Schweizer Konzern Roche und mit Siemens Healthcare aus Deutschland jeweils langjährige Vertriebs- und Serviceabkommen für Sysmex‘ Hämatologie- beziehungsweise Hämostase-Geräte. 


Stark durch deutsches Know-how

In aller Munde war Sysmex dann 2013, als die Japaner zwei deutsche Fliegen mit einer Klappe einfingen: Im Herbst 2013 sicherten sie sich alle Anteile der Diagnostik-Firmen Inostics aus Hamburg und Partec aus Görlitz. Inostics, 2008 durch die Hamburger Firma Indivumed gegründet, verfügt über das Wissen, wie DNA von Krebszellen im Blut aufgespürt und analysiert werden kann. Die „liquid biopsy“ kann somit Gewebebiopsien überflüssig machen. Damit hat sich Sysmex das Know-how gesichert, die Diagnostik für individualisierte Krebstherapien zu stemmen. Inostics profitiert vor allem vom starken Sysmex-Vertrieb, bekommt aber auch Zugang zu dessen Pharmakontakten.

Die Akquise von Partec ist ähnlich gelagert, wenn auch auf einem für Sysmex deutlich vertrauterem Terrain. Die Ostsachsen stellen Durchflusszytometriegeräte und Fluoreszenzmikroskope her. Mit Partecs starker Präsenz in Afrika hat Sysmex auf einen Schlag Vertriebskanäle in 200 Länder – und Partec selbst nun den gewünschten Zugang zu den asiatischen Märkten. Sysmex‘ nachhaltiges Engagement beweist eine derzeit laufende 7,5 Mio. Euro schwere Investition in eine Produktionserweiterung. Das ausgegebene Ziel: ein Angriff auf die Platzhirsche der Durchflusszytometrie Becton, Dickinson & Co. und Beckman Coulter auf den etablierten Märkten USA und Europa. Die Initiative zu der Übernahme kam übrigens von Partec selbst. Eine auf sich allein gestellte Firma wäre im wachsenden Markt für Durchflusszytometrie-Analysen schnell marginalisiert worden, so die Befürchtung der Deutschen. Dass Sysmex nicht lange überredet werden musste, lag zum einen an Partec selbst. Auf der anderen Seite gilt es für die Japaner, das eingeschlagene Wachstumstempo zu halten und somit Chancen zu nutzen, wenn sie sich auftun. Auch wenn Sysmex‘ Aktivitäten noch keinen Tsunami auf dem Labormarkt auslösen, der in Kobe ausgelöste Wellengang wird stärker.

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Noch vor einem reichlichen Jahr wäre der Prüf- und Messtechnik-Spezialist Endress+Hauser kein Kandidat für einen solchen Steckbrief gewesen. Mit der Übernahme der Mehrheit an der deutschen Firma Analytik Jena AG im Herbst 2013 änderte sich das auf einen Schlag.

Analytik Jena

Erst Pharmakonzerne, dann Biotechnologiefirmen und nun auch einzelne Labore – Endress+Hauser hat in den vergangenen Jahren seinen potentiellen Kundenstamm kontinuierlich ausgeweitet. Neben der Öl- und Gaswirtschaft sowie der Lebensmittelbranche gehören auch Pharmafirmen wie Roche zu den traditionellen Kunden des Schweizer Familienunternehmens, welches Sensoren, Geräte und Systeme für Füllstand-, Durchfluss-, Druck- und Temperaturmessung, sowie Flüssigkeits- und Gasanalyse herstellt. Mit einem Umsatz von knapp 2 Mrd. Euro zählt die Endress+Hauser-Gruppe zu den international führenden Anbietern von Messtechnik, Dienstleistungen und Automatisierungslösungen für die industrielle Verfahrenstechnik. Mit derzeit 107 Gesellschaften ist der Konzern in 46 Ländern aktiv.

1953 durch Georg Endress und Ludwig Hauser  im badischen Lörrach als Vertriebsfirma für ein aus Großbritannien importiertes Füllstandsmessgerät gegründet, begann die Gesellschaft bald selbst mit der Geräteherstellung. Der Legende nach wurde die Firma zunächst aus dem Schlafzimmer heraus geleitet. Im Zuge der Expansion wurde dann ein neuer – und der derzeit größte – Standort im nicht weit entfernten Maulburg aufgebaut. Seit 1968 sitzt die Dachgesellschaft der Gruppe in der Schweiz, seit 2006 in Reinach südlich von Basel. 96% der Aktien des Familienunternehmens befinden sich momentan zu gleichen Teilen im Besitz der acht Kinder des 2008 verstorbenen Gründers Georg Endress, 4% hält die Georg H. Endress-Stiftung. Dem Griff nach Analytik Jena gingen erste vorsichtige Annäherungen an die Biotechnologie voraus. 2011 wurde ein Minderheitsanteil am US-Bioprozesstechnikspezialisten Finesse Solutions Inc. erworben. Finesse stellt Einwegsensoren her, die aufgrund des modularen Designs je nach Kundenwunsch verschieden kombiniert werden können. Parallel zur Akquise von Analytik Jena wurde Mitte 2013 auch der Kauf des US-amerikanischen Unternehmens Kaiser Optical Systems von dessen Mutterkonzern Rockwell Collins vorangetrieben und Ende des Jahres abgeschlossen. Kaiser Optical Systems ist weltweit führend auf dem Gebiet spektroskopischer Messgeräte und angewandter holografischer Verfahren. Hauptprodukte sind unter anderem Raman-Sensoren und -Geräte, welche – so hofft Endress+Hauser – in den „Zukunftsfeldern Energieversorgung, Biotechnologie und Labor-Anwendungen an Bedeutung gewinnen werden“.


Den Labormarkt im Visier
Den nachhaltigsten Auftritt in den Laboren der Welt wird der Konzern aber durch die Übernahme von Analytik Jena hinlegen. Die drei Geschäftsfelder „Analytische Geräte“, „Life Sciences“ und „Optik“ beliefern Kunden aus Medizin, Biotechnologie, Pharmazie, Umwelt und Industrie. Für die Bioanalytik sind Produkte für Probenvorbereitung, DNA-Aufreinigung, PCR, molekulare Diagnostik und Liquid Handling im Portfolio. Die deutsch-schweizer Firma plant aber, zunächst im Hintergrund zu bleiben. Management und Name der Thüringer bleiben vorerst unverändert. Unter dem Dach der Holding soll Analytik Jena als Geschäftseinheit für die Bereiche „Analytical Instrumentation“ und „Life Science“ fortgeführt werden, mit eigenen Strukturen für Produktion und Vertrieb. Nachdem Endress+Hauser im September 2013 47% der Anteile erworben hatte, wurde im März 2014 auch die 50%-Schwelle überschritten. Aufgrund eines Optionsvertrages mit Firmengründer Klaus Berka sowie der Thüringer Beteiligungsgesellschaft bm-t darf Endress+Hauser im Oktober 2014 weitere 27,56% erwerben. Erklärtes Ziel bleibt weiterhin die vollständige Übernahme.

Das Jahr des 60. Firmengeburtstages war auch aus einem anderen Grund richtungsweisend. Nach 18 Jahren an der Spitze der Firma wechselte Klaus Endress in den Verwaltungsrat und übergab die Führung zum ersten Mal an ein Nicht-Familienmitglied. Matthias Altendorf hat jedoch seine Karriere von der Mechanikerlehre an komplett bei Endress+Hauser absolviert. In einem kürzlich erschienenen Interview bestätigte er die auf den Labormarkt ausgelegte Strategie: „Wir möchten neue Geschäftsfelder erschließen und insbesondere in der Laboranalytik stärker werden. In den Laboren werden neue Verfahren entwickelt und angewandt, die später auch in der Produktion der Kunden in Chemie-, Lebensmittel-, Pharma- oder Biotechnologieindustrie genutzt werden.“

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VWR International, LLC aus den USA ist ein international agierendes Handelsunternehmen. Die Umsatzrendite ist im Vergleich zu produzierenden Firmen niedrig. Seit Jahren fährt VWR einen Expansionskurs mit Übernahmen in Europa und Südamerika. Mit 5.000 Zulieferern, 60.000 Kunden und 1,5 Millionen verfügbaren Artikeln kämpft VWR mit Thermo Fisher Scientific um die Vorherrschaft am Markt. Hier musste VWR zum Beispiel 2009 einen Rückschlag hinnehmen, als sich nach 24 Jahren das Massachusetts Biotechnology Council (MassBio) bei der Ausschreibung eine 5-Jahres-Versorgungsvertrags über 250 Mio. US-$ für Fisher Scientific entschied. Grund genug für VWR, die Geschäftsstrategie zu überdenken.

Peqlab

Neben einer stärkeren Fokussierung auf das Endkundengeschäft gehört offenbar auch eine Neuausrichtung der Akquisepolitik dazu. Seit einigen Jahren werden nicht mehr nur reine Vertriebsgesellschaften geschluckt. Zunehmend finden sich darunter auch Hersteller von Biochemikalien und Laborverbrauchsmaterialien. Neuestes Beispiel: die Peqlab GmbH aus Erlangen. Die Wurzeln von VWR liegen im Jahr 1852. John Taylor hatte damals in Sacramento zwar nicht wie beabsichtigt als Goldgräber Erfolg, dafür aber als Verkäufer von Glaswaren für Apotheker und von Chemikalien für Minenbau, Prüfungs- und Laborwesen. Anfang der 1950er Jahre gingen Überbleibsel seiner Firma an VWR (Van Waters & Rogers, Inc.) aus Seattle. VWR selbst wurde 1924 von Georges Van Waters und Nat Stuart Rogers ins Leben gerufen. Die Firma handelte zunächst mit Terpentin und Farben. Die wichtigsten Geschäftsfelder Mitte der 1960er Jahre waren Industriechemikalien, Wissenschafts-, Wäscherei-, Landwirtschafts-und Polstereibedarf. Nach der Fusion mit der United Pacific Corporation entstand die VWR United Corporation. Ende der 1980er wurde der Gemischtwarenkonzern in zwei Teile geteilt. Einer davon vertrieb Ausrüstung und Zubehör für Wissenschaft und Grafik, Textil- und Möbelfertigungsbedarf, elektronische Komponenten und elektromechanische Geräte.

Wachstumsschub mit Übernahme

Bis auf den Laborbereich wurde 1989 alles verkauft. Einen Wachstumsschub gab es schließlich 1995, als VWR die Abteilung Industrie- und Life-Sciences-Chemikalien von Baxter übernahm. Eine entscheidende Rolle spielte damals die deutsche Merck KGaA, die einen Großteil des Preises von 400 Mio. US-$ stemmte und später VWR komplett übernahm. 2001 wurden die US-amerikanische VWR Scientific Products Corp. und die Merck Eurolab-Gruppe zusammengelegt und mit VWR International, Inc. entstand ein globaler Akteur. Statt wie zunächst angedacht an die Börse ging VWR 2004 für 1,68 Mrd. US-$ an das Private-Equity-Unternehmen Clayton, Dubilier & Rice, Inc. Dieses verkaufte VWR 2007 für geschätzte 3,7 Mrd. US-$ an einen anderen Finanzinvestor, Madison Dearborn Partners, dem die Firma noch heute gehört.

Klein- statt Großkunden

Nach dem Verlust des millionenschweren Großauftrags des Life Sciences-Clusters MassBio 2009 begann VWR sich stärker auf das Endkundengeschäft zu konzentrieren. Der Strategiewechsel wurde Mitte 2010 mit der Einrichtung verschiedener Kanäle zum Erfassen von Kundenreaktionen eingeleitet. Außerdem wurden eine jährliche Kundenumfrage initiiert und eigene Handelsmarken ins Sortiment aufgenommen. So sind zum Beispiel Heizblöcke und Filterpapiere unter dem Namen VWR Collection im Angebot. Die Kunden reagierten nach Angaben von VWR positiv. So stieg der Promotorenüberhang, eine Kennzahl für zufriedene Kunden, von Anfang 2012 bis Ende 2013 um 26%. Dennoch musste die Firma in der Zwischenzeit eine weitere empfindliche Einbuße verkraften: Eine großes Pharmaunternehmen ging als Kunde verloren. Parallel zur internen Neuausrichtung kaufte VWR auch kleine Produzenten von Spezialreagenzien auf: 2011 Amresco, Inc. (USA, Molekularbiologie) und Anachemia, Inc. (Kanada, Chemie & Bergbau), 2012 Switch BVBA (Belgien, Zytologie & Histologie) und 2013 United Biochemicals, Inc (USA, Puffer & Aminosäurederivate). Trotzdem: VWR droht, von Thermo beiseitegedrängt zu werden. Zwar sind beide Firmen für den Endkunden praktisch „One-stop-shops“, doch Thermo hat mehr in Eigenregie produzierte Produkte mit höheren Margen im Angebot. Außerdem hat es sich mit der Life Tech-Übernahme Anfang 2013 die Gendiagnostik als neues Geschäftsfeld eröffnet. VWR scheint nun gewillt nachzuziehen. Im Januar 2014 wurde eine Übernahmevereinbarung mit der Peqlab Biotechnologie GmbH abgeschlossen.

Weltweit Vertriebswege eröffnet

Die 1996 gegründete Erlanger Firma macht 70% des Umsatzes mit Geräten, den Rest mit Reagenzien und Verbrauchsmaterialien. „VWR ist gerade wegen der Gerätesparte auf uns zugekommen“, so Peqlab-Chef Reinhold Mischau gegenüber LABORWELT. Peqlab eröffnen sich durch den Verkauf Vertriebswege in die ganze Welt. Gut möglich, dass die Thermocycler und PCR-Arbeitsstationen aus Franken bald in Shanghai und Buenos Aires zum Einsatz kommen. Die Fertigungskapazitäten für einen solchen Auftragsschub seien vorhanden, versichert Mischau. Hersteller ist die zu Peqlab gehörende Clemens GmbH in Würzburg, die seit 1989 PCR-Geräte fertigt. Für VWR ist die Akquise zwar insoweit Neuland, dass auch ein Geräteproduzent ins Haus kommt, doch ein echter Befreiungsschlag sieht anders aus. Gut möglich, dass der Strategiewechsel zu zögerlich angegangen wird. Die Gerüchte, dass VWR und Konkurrent Sigma-Aldrich zusammengehen, um langfristig gegenüber Thermo zu bestehen, werden daher trotz des kleinen Einkaufsbummels in Franken wahrscheinlich nicht verstummen.

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