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25 Cent für den Gemischtwarenladen
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Perkin Elmer

25 Cent für den Gemischtwarenladen

Wie das Gesicht von Perkin Elmer in zehn Jahren aussehen wird, das weiß heute niemand. Zwar gilt das Unternehmen als eines der größeren in der Branche. Eine gescheiterte Übernahme in Milliardenhöhe offenbart jedoch die Schwächen des Gemischtwarenladens Perkin Elmer.

25 Cent haben Robert Friel um den Traum gebracht, aus Perkin Elmer einen der ganz großen Spieler der Labor- und Diagnostikbranche zu machen. Damit hätte sich der Firmenchef nach mehr als zehn Jahren in Diensten des amerikanischen Analysen- und Diagnostikkonzerns die Krone aufgesetzt. Nur 25 Cent. Bis in die Endrunde hatte es Perkin Elmer im Bieterverfahren um den US-Konzern Beckman Coulter geschafft, der nach einigen Fehlschlägen (vgl. LBW 1/2011) selbst das "for sale"-Schild aus dem Fenster gehängt hatte. Im Rennen waren - dem Vernehmen nach - einige Investorenkonsortien und der Technologiekonzern Danaher. Der ist im Vergleich zu Perkin Elmer ein Riese. Zwar erwirtschaftete "PKI", wie die Aktie an der New Yorker Nasdaq unter Händlern genannt wird, im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,7 Mrd. US-$ und steigerte den Gewinn im Vergleich zum Vorjahr sogar um das Vierfache auf 383 Mio. Euro. Gegen Danaher nimmt sich Perkin Elmer jedoch aus wie ein Zwerg. An der Börse wird das Unternehmen mit einem Wert von 2,9 Mrd. US-$ gehandelt - gerade einmal ein Zehntel des Wertes seines übermächtigen Bieterkonkurrenten. Und doch war der David kurz davor Goliath zu besiegen. Mit 83,25 US-$ pro Aktie war das Angebot von Friel & Co. das höchste - gerade einmal einen "Quarter" über dem von Danaher. Perfekt eigentlich. Wenn es allein danach gegangen wäre, hätte Perkin Elmer den Zuschlag bekommen müssen. Fast 7 Mrd. US-$ - mehr als das Doppelte des eigenen Börsenwertes - hätte Friel aufbringen müssen, um sich den wesentlich größeren Konkurrenten einzuverleiben. Das spricht für seinen Mut - oder seine Verzweiflung. Die Investmentbanker von Goldman Sachs misstrauten dem Finanzierungskonzept von Perkin Elmer allerdings. Sie wendeten sich nach Abgabe des Angebotes direkt an Danaher und boten dem Unternehmen den Zuschlag an, wenn es 83,50 Euro bietet. Der Technologieriese schlug sofort ein. Beckman Coulter ging an Danaher. Perkin Elmer bekam keine Chance, das eigene Angebot aufzubessern. Die Firmenehe mit dem größeren Partner sei der bessere "Fit" gewesen hieß es aus Kreisen, die mit dem Bieterprozess vertraut sind.

Breit aufgestelltes Konglomerat

Für Robert Friel fingen die Probleme damit erst an. Die Börse feierte Perkin Elmers Niederlage. Ein Kursanstieg von fast 7% - offenbar war auch unter Anlegern die Sorge groß, das Unternehmen könne sich verheben. Die Analysten kritisieren Perkin Elmers-Markenstrategie seit langem. Das 1937 gegründete Unternehmen mit Firmensitz in Waltham, Massachusetts, gilt als Gemischtwarenladen. Die umfangreiche Produktpalette umfasst die Bereiche "Human Health" und "Environmental Health". Hier finden sich Klinikgeräte zum Screening von Neugeborenen genauso wie Gaschromatographen, Atomabsorptions- und Infrarotspektrometer, LC-Plattformen oder Kapillaren. Kein Wunder, dass rund 3.000 der 6.200 Angestellten damit beschäftigt sind, all die verschiedenen Produkte zu verkaufen.

Bunter Strauß an Übernahmen

Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Firmen übernommen, darunter auch das Geschäft mit Screening-Automaten von Evotec. Zuletzt kaufte Perkin Elmer zwei Firmen zu, die Software zum Datenmanagement entwickelt haben. Gleichzeitig soll der Markenzoo aber kleiner werden. Bereits im vergangenen Jahr wurde Perkin Elmers Geschäft mit LEDs, Beleuchtungen auf Xenon-Basis und Infrarot-Sensoren für rund 500 Mio. US-$ an eine Beteiligungsgesellschaft veräußert. Mit diesem Schritt wurde die Beschäftigtenzahl schlagartig um 2.000 Beschäftigte reduziert - rund ein Drittel der gesamten Belegschaft. Die Einnahmen sollen in Wachstumsmärkte reinvestiert werden. Vor allem das Feld molekulare Diagnostik erscheint dem Management vielversprechend. Ob Perkin Elmer den im Labormarkt ablaufenden Konsolidierungsprozess als selbständige Firma überstehen wird, ist nicht sicher. Die ersten Gerüchte nach dem fehlgeschlagenen Beckman-Gebot stempelten die Firma zum Übernahmekandidaten. Unternehmenschef Friel ließ sofort dementieren. Die Firma stehe nicht zum Verkauf. Sollte der fehlende Vierteldollar aber doch das Ende von Perkin Elmers Selbständigkeit eingeläutet haben, wäre die Tragik für Robert Friel komplett.

http://www.laborwelt.de/aktuelles/firmen-im-fokus/25-cent-fuer-den-gemischtwarenladen.html

Artikel-Archiv

Nicht immer sind es die großen Konzerne, die den Takt vorgeben. Gerade im stark zersplitterten Labormarkt können auch Familienunternehmen rasant wachsen. Im Vergleich zu den großen Laborausrüstern kommt der Plastik-Spezialist Greiner Bio-One ausgesprochen wendig daher. Die Firma Greiner wurde zwar bereits 1868 – als ein schwäbisches Kolonialwaren- und Eisenwarengeschäft – gegründet, doch erst 1963 setzte sie auf das Thema Labortechnik. Das Geschäft mit Kunststoff-Petrischalen entwickelte sich hervorragend. Nach einem Intermezzo als eine selbständige, auf die Life Sciences spezialisierte Firma zwischen 2001 und 2013 – der Greiner Bio-One International AG – gehört sie als eine GmbH mittlerweile wieder zur Greiner Holding AG. Damit ist auch klar: Der damals gerüchteweise angedachte Gang der Labortechnik an die Börse ist erst einmal vom Tisch. Der ist auch gar nicht nötig, denn die zu 100% im Familienbesitz befindliche Firma wächst auch ohne externes Kapital. Nötige Investitionen werden über den positiven Cashflow finanziert.

Greiner Bio-One

Was haben die Tötung einer 63-Jährigen 1993 in Idar-Oberstein und ein Einbruch 2007 bei einem Optiker im 700 Kilometer entfernten Gallneukirchen bei Linz gemeinsam? Beide Verbrechen gehören zu einer Serie von stolzen 40 Delikten, die vermeintlich von einer einzigen Person verübt wurde. Nach monatelanger Suche wurde diese 2009 ausfindig gemacht: Es handelte sich um eine Angestellte einer deutschen Verpackungsfabrik, die für Greiner Bio-One von Hand Wattestäbchen auf Verschlussstopfen montiert. Natürlich steckte nicht sie hinter den Verbrechen. Ihre omnipräsente DNA machte die Polizei schmerzhaft darauf aufmerksam, dass für bakteriologische Abstriche vorgesehene Stäbchen nicht für DNA-Tests verwendet werden sollten. Greiner kam aus dem Fall des „Heilbronner Phantoms“, benannt nach einem Mord in Heilbronn, relativ unbeschadet davon, obwohl einige Chargen der Abstrichbestecke offenbar fälschlicherweise als DNA-frei gekennzeichnet worden waren.

Von dieser Anekdote abgesehen taucht Greiner nur selten in den Medien auf. Die nach der Fusion der deutschen und österreichischen Firmen in den 1980er Jahren von Kremsmünster aus geführte Holding wächst organisch, Firmenzukäufe sind die Ausnahme. Die Wendigkeit, mit der Greiner auf veränderte Gegebenheiten reagiert, wird zum Beispiel bei der Sparte Greiner Bio-One deutlich. Vier Bereiche gehören zusammen mit dem Sterilisationsdienstleister Mediscan zu dieser Sparte: BioScience (Zellkulturzubehör, Mikrotiterplatten für Hochdurchsatzanwendunge), Preanalytics (Probenentnahmesysteme für Blut, Urin und Speichel zur Anwendung in Kliniken, Diagnostik-laboren und Arztpraxen), Diagnostics (Biochips für zum Beispiel Genotypisierungen) und – über alle Bereiche hinweg – OEM-Dienstleistungen. Die beiden letztgenannten Bereiche wurden erst in den vergangenen Jahren neu eingerichtet, um auf die Kundennachfrage zu reagieren.


Das Ende einer 142-jährigen Ära

Auch die großen Sparten werden als Ganzes oft neu positioniert. Beispiel Greiner Bio-One: Die Medizin- und Labortechniksparte wurde 2001 wohl mit Hinblick auf einen möglichen Börsengang ausgegliedert und jahrelang als eigenständige Holding geführt – auch noch 2013 (siehe Box). Mit dem Ende eines groß angelegten Umstrukturierungsprozesses wurde 2010 bekannt, dass Bio-One zusammen mit den anderen vier Sparten – Packaging International (Verpackungen), Foam International (Schaumstoffe), Tool.Tec (Maschinenbau) und Perfoam (Fahrzeuginnenausbau) – ab 2014 wieder unter dem Dach einer Holding geführt wird.


Familie holt Externen ins Boot

Auch in anderer Hinsicht überraschte der Reformprozess: Angefangen beim Krämerladen des Ehepaares Carl Albert und Emilie Greiner über die Korkstopfenfabrik des Sohnes Hermann wurde die Firma über fünf Generationen von einem Familienmitglied geführt. Damit war 2010 Schluss. Da in der familieninternen Kaderschmiede, in der Firma als „Goldfischteich“ bezeichnet, kein geeigneter Kandidat zu finden war, wurde 2009 mit Axel Kühner ein Daimler-Manager in den Vorstand geholt und ein Jahr später als erster externer Vorstandsvorsitzender an der Spitze installiert. Die 43 Familienaktionäre halten freilich über einen Gesellschafterrat, der die Besetzung des Aufsichtsrats kontrolliert, weiter alle Fäden in der Hand. Seine Feuertaufe muss Kühner gerade in einem millionenschweren Streit mit dem 2011 zwangsabgelösten Geschäftsführer – und bis dahin unangefochtenen Doyen – der Sparte Bio-One, Franz Konrad, bestehen: Greiner wirft ihm vor, Verträge mit Dritten zu für Greiner extrem ungünstigen Bedingungen abgeschlossen zu haben.

Insgesamt arbeiten die 1.700 Mitarbeiter von Bio-One an 24 Standorten, an 7 davon wird produziert – seit 2013 auch in Thailand. Das Europa-Geschäft wird mit einer 2017 in Betrieb gehenden Erweiterung für das Werk in Mosonmagyaróvár (Ungarn) gestärkt. 6,5 Mio. Euro fließen in den Bau der neuen Halle. Bei einem positiven Cashflow von 42 Mio. Euro 2013 kommt der Betrag de facto aus der Portokasse. Jedoch wurde 2013 mit 15 Mio. Euro deutlich vorsichtiger in die Sparte investiert als im Vorjahr (33 Mio. Euro). Trotzdem ist derzeit kein Grund in Sicht, warum Greiner Bio-Ones Strategie organischen Wachstums bei organisatorischer Flexibilität nicht auch 2014 für ein weiteres Umsatzplus sorgen wird. Das wäre dann bereits das fünfte Mal in Folge.

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Weitestgehend familiär geführt ist die Merck KGaA weltweit einer der wenigen Konzerne, die sich auf mehreren Geschäftsfeldern tummeln. Seit der Übernahme der Millipore Corp. (USA) 2010 hat der Konzern vier Standbeine. Mit einem Umsatzanteil von mehr als der Hälfte ist die Pharmasäule Merck Serono mit Abstand am wichtigsten, doch mit 25% hat sich die Sparte für Life-Sciences-Bedarf, Merck Millipore, auf Rang zwei etabliert. Die Geschäfte mit Performance Materials und mit nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten (Consumer Care) kommen zusammen nur auf 20%. Mit dem im Herbst 2014 angekündigten Kauf des Laborausrüsters Sigma-Aldrich für 13,1 Mrd. Euro bekommen die Life Sciences zweifelsfrei noch mehr Schlagkraft. Auch wenn Merck für Millipore mit 5 Mrd. Euro deutlich weniger Geld lockermachen musste, in vielerlei Hinsicht gleichen sich beide Deals wie ein Ei dem anderen.

Merck Millipore

Gehen die Pläne der Manager von Merck und Sigma-Aldrich auf, dann entsteht mit knapp 20.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 4,7 Mrd. Euro ein Laborausstatter von veritabler Größe – und Marken wie Isotec (Isotopenmarkierung), Sigma-Aldrich Fine Chemicals (SAFC, Zellkultur), Fluka und Riedel-de Häen (beide Standardreagenzien) wechseln den Besitzer. Bisher stehen die Zeichen für das Gelingen gut. Nach der Ankündigung des für Merck größten Deals der Firmengeschichte im vergangenen September haben mittlerweile die Aktionäre von Sigma-Aldrich und das US-Kartellamt den Plänen ihren Segen erteilt, und alles deutet darauf hin, dass die Transaktion wie angekündigt bis Mitte 2015 abgeschlossen sein wird. Auch der Umbau des Darmstädter Konzerns ist in vollem Gange. So soll der Bereich Consumer Healthcare in Merck Serono aufgehen. Damit wird Merck nur noch in drei Segmente untergliedert: Healthcare, Performance Materials und Life Sciences. Ob die Unternehmensleitung der neu strukturierten Life-Sciences-Sparte in Billerica (Massachusetts) verbleibt oder an die Sigma-Aldrich-Zentrale in St. Louis (Missouri) wechselt, ist noch unklar.


Zukäufe nicht ausgeschlossen

Rückblickend war die Übernahme Millipores ein Erfolg. So entwickelte sich der Umsatz der Sparte Merck Millipore positiv: Seit dem Zusammenschluss stieg er um knapp 25% auf 2,6 Mrd. Euro. 2010 musste Merck das 15-fache des Jahresgewinns aufbieten, um die – auf Umsatz und Mitarbeiter im Bereich Laborausstattung bezogen – etwas größere Firma Millipore zu schlucken. Für die in etwa ebenbürtige Sigma-Aldrich ist es nun gar das 20-fache. Die Rechnung könnte dennoch aufgehen. Heute wie damals müssen Schulden und eine Rückstufung im Rating in Kauf genommen werden. Der Finanzchef des Merck-Konzerns, Marcus Kuhnert, schließt deshalb in den kommenden drei Jahren für alle Sparten größere Zukäufe aus. Kleinere Übernahmen und Lizenzdeals seien aber kein Problem. 2011 hatte Merck Millipore für 100 Mio. Euro das Geschäft mit Fertignährböden und Instrumenten zum Hygienemonitoring von der Dreieicher Biotest AG sowie den Durchflusszytometer-Spezialisten Amnis (USA) erworben. Im Jahr darauf schluckte die Sparte für insgesamt 22 Mio. Euro den Berliner Medienhersteller Biochrom AG sowie die Mikrofluidik-Firma CellASIC Corp. (USA).


Einsparungen durch Synergie-Effekte

Für Merck dürfte eine Reihe von Gründen dafür gesorgt haben, den Kauf von Sigma-Aldrich durchzudrücken. Die markant mit rot-weißen Etiketten versehenen Sigma-Produkte kennt und schätzt jeder, der einmal in seinem Leben eine Pufferlösung angesetzt hat. Neben dem beeindruckenden Portfolio von 230.000 Basis- und 40.000 Ausstattungsprodukten und deren gutem Ruf punkten die US-Amerikaner mit hervorragenden Geschäftskennzahlen. Merck schätzt, dass durch den Zusammenschluss 260 Mio. Euro durch Synergie-Effekte eingespart werden können. Vor allem das ausgeklügelte IT-System der US-Amerikaner – allen voran der Onlinehandel – scheint Mercks Systemen überlegen. Kuhnert hofft, dass die Profitabilität der Life-Sciences-Sparte langfristig die überdurchschnittlichen Werte Sigma-Aldrichs erreicht.


Ähnliche Unternehmenskultur

Auf die Einwände von Analysten, dass sich Merck mit dem Fokus auf Laborausrüstung langfristig auf ein Geschäft mit relativ geringen Wachstumsraten konzentriere, reagierte Konzernchef Karl-Ludwig Kley gelassen: „Vor allem in den aufstrebenden Märkten werden immer mehr Labore eröffnet. Auch wächst dort die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Forschung.“ Die Zahlen geben ihm recht. Im dritten Quartal erzielte Merck in den Schwellenländern stolze 40% seiner Erlöse. Im Gesamtjahr 2014 soll mit bis zu 11,2 Mrd. Euro Konzernumsatz nach einem Jahr der Stagnation unter dem Strich wieder ein Plus stehen. Auch die Verantwortlichen bei Sigma-Aldrich hoffen, dank Merck die Produkte noch besser vertreiben zu können. Merck ist in 66 Ländern aktiv, die US-Amerikaner in 37. Kley zufolge waren sich beide Firmen schnell einig: „Da sich die Unternehmenskulturen und -ziele ähneln, konnten wir uns schon innerhalb weniger Wochen über das gemeinsame Vorgehen verständigen.“ Auch an der Börse wurden die Pläne goutiert. Anfang 2015 kostete die Merck-Aktie 87 Euro und die Firma erreichte damit eine Marktkapitalisierung von 38 Mrd. Euro – mehr als doppelt so hoch wie vor fünf Jahren. Es scheint, als ob Merck Millipore sein Scherflein zum Erfolg des 2011 gestarteten Effizienzprogramms „Fit für 2018“ beitragen wird. Dann feiert der Merck-Konzern einen runden Geburtstag. Die 1668 gegründete Firma wird 350 Jahre alt.

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Nach Jahrzehnten im Dornröschenschlaf scheint die Firma Sysmex aus dem japanischen Kobe seit etwa zehn Jahren wachgeküsst. Ihre Hämatologie-, Hämostase- und Urinanalyse-Geräte werden mittlerweile in der ganzen Welt verkauft – unter anderem durch Vertriebspartnerschaften mit Roche oder Siemens. Jetzt setzt auch die technologische Expansion ein. Nach der Aufnahme von Geräten zur automatisierten Immunhistochemieanalyse ins Portfolio greift Sysmex den Laborgerätemarkt auch aus der Richtung Durchflusszytometrie an. Den Startschuss gab 2013 die Übernahme der deutschen Firma Partec. Die verkaufte ihre kompakten Geräte bisher vorwiegend in Afrika. Mit Sysmex‘ Organisations- und Finanzkraft im Rücken sollen sie nun auch in den Laboren Europas Einzug halten.

Sysmex

Die Ursprünge von Sysmex liegen im Jahr 1934. Mit der Herstellung und dem Vertrieb von Megaphonen verdiente sich TOA Electronics damals die ersten Sporen. Den Beschallungsspezialisten gibt es noch heute. Die 3.000 Mitarbeiter produzieren Verstärker, Konferenzsysteme und Sprachalarmanlagen. Auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern stieg die japanische Firma 1968 in das Medizintechnik-Geschäft ein, trennte die beiden Aktivitäten aber bereits vier Jahre später.

Die Medizintechnikfirma wuchs unter dem Namen Toa Electric Co. über die Jahre stärker als die Mutterfirma und beschäftigt heute 6.000 Mitarbeiter. Die Umbennennung in Sysmex erfolgte 1998. Der Grund: Für viele Kunden war die Firma synonym mit der wichtigsten, bereits 1978 eingeführten Produktlinie, den Sysmex-Hämatologie-Instrumenten. Hier liegt auch heute noch die Kernkompetenz der Firma. Bis Mitte der 80er Jahre blieb die Entwicklung beschaulich, doch dann erkannte Sysmex das Potential einer größeren Automatisierung der Blutdiagnostik. Die Bestimmung von Blutparametern wie der Zahl, Größe und Art von Blutkörperchen durch Labortechniker erfolgte mit den neuen Geräten, ohne in Kontakt mit den Blutproben zu kommen, was zu einem deutlichen Rückgang der Infektionszahlen in dieser Berufsgruppe führte. In den 90er Jahren expandierte die Firma zunächst vor allem geographisch. Zum Ende des Geschäftsjahres 2014 verbuchte Sysmex zum 14. Mal in Folge eine Umsatzsteigerung. Erwirtschaftete die Firma 2004 noch umgerechnet 480 Mio. Euro, schaffte sie 10 Jahre später schon knapp das Dreifache. Mit 60 Gesellschaften in 38 Ländern hat Sysmex bisher Geräte in fast alle Länder des Erdballs verkauft (170). Um weiter so konstant zu wachsen, wendet sich CEO Hisashi Ietsugu seit einiger Zeit verstärkt der personalisierten Medizin zu. So läuft seit 2013 eine Kooperation mit Japans Nationalem Krebszentrum zur Entwicklung neuer Reagenzien für die In-vitro-Diagnostik (IVD). Auch die IVD-Produktion wurde ausgebaut: Mitte 2014 eröffnete in Japan eine neue Fabrik, die die Kapazitäten auf das Dreifache des bisherigen Niveaus schraubt.

Den deutlichsten Schritt in Richtung Companion Diagnostics machten die Japaner aber in Deutschland. Sysmex war hier lange Zeit relativ unbekannt – obwohl die Region Europa für Sysmex enorm wichtig ist. Die in Norderstedt bei Hamburg beheimatete Sparte trägt 40% zum Gesamtumsatz bei. Sysmex fungierte bisher vor allem als Kooperationspartner: Seit Mitte der 90er Jahre unterhält Sysmex mit dem Schweizer Konzern Roche und mit Siemens Healthcare aus Deutschland jeweils langjährige Vertriebs- und Serviceabkommen für Sysmex‘ Hämatologie- beziehungsweise Hämostase-Geräte. 


Stark durch deutsches Know-how

In aller Munde war Sysmex dann 2013, als die Japaner zwei deutsche Fliegen mit einer Klappe einfingen: Im Herbst 2013 sicherten sie sich alle Anteile der Diagnostik-Firmen Inostics aus Hamburg und Partec aus Görlitz. Inostics, 2008 durch die Hamburger Firma Indivumed gegründet, verfügt über das Wissen, wie DNA von Krebszellen im Blut aufgespürt und analysiert werden kann. Die „liquid biopsy“ kann somit Gewebebiopsien überflüssig machen. Damit hat sich Sysmex das Know-how gesichert, die Diagnostik für individualisierte Krebstherapien zu stemmen. Inostics profitiert vor allem vom starken Sysmex-Vertrieb, bekommt aber auch Zugang zu dessen Pharmakontakten.

Die Akquise von Partec ist ähnlich gelagert, wenn auch auf einem für Sysmex deutlich vertrauterem Terrain. Die Ostsachsen stellen Durchflusszytometriegeräte und Fluoreszenzmikroskope her. Mit Partecs starker Präsenz in Afrika hat Sysmex auf einen Schlag Vertriebskanäle in 200 Länder – und Partec selbst nun den gewünschten Zugang zu den asiatischen Märkten. Sysmex‘ nachhaltiges Engagement beweist eine derzeit laufende 7,5 Mio. Euro schwere Investition in eine Produktionserweiterung. Das ausgegebene Ziel: ein Angriff auf die Platzhirsche der Durchflusszytometrie Becton, Dickinson & Co. und Beckman Coulter auf den etablierten Märkten USA und Europa. Die Initiative zu der Übernahme kam übrigens von Partec selbst. Eine auf sich allein gestellte Firma wäre im wachsenden Markt für Durchflusszytometrie-Analysen schnell marginalisiert worden, so die Befürchtung der Deutschen. Dass Sysmex nicht lange überredet werden musste, lag zum einen an Partec selbst. Auf der anderen Seite gilt es für die Japaner, das eingeschlagene Wachstumstempo zu halten und somit Chancen zu nutzen, wenn sie sich auftun. Auch wenn Sysmex‘ Aktivitäten noch keinen Tsunami auf dem Labormarkt auslösen, der in Kobe ausgelöste Wellengang wird stärker.

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Noch vor einem reichlichen Jahr wäre der Prüf- und Messtechnik-Spezialist Endress+Hauser kein Kandidat für einen solchen Steckbrief gewesen. Mit der Übernahme der Mehrheit an der deutschen Firma Analytik Jena AG im Herbst 2013 änderte sich das auf einen Schlag.

Analytik Jena

Erst Pharmakonzerne, dann Biotechnologiefirmen und nun auch einzelne Labore – Endress+Hauser hat in den vergangenen Jahren seinen potentiellen Kundenstamm kontinuierlich ausgeweitet. Neben der Öl- und Gaswirtschaft sowie der Lebensmittelbranche gehören auch Pharmafirmen wie Roche zu den traditionellen Kunden des Schweizer Familienunternehmens, welches Sensoren, Geräte und Systeme für Füllstand-, Durchfluss-, Druck- und Temperaturmessung, sowie Flüssigkeits- und Gasanalyse herstellt. Mit einem Umsatz von knapp 2 Mrd. Euro zählt die Endress+Hauser-Gruppe zu den international führenden Anbietern von Messtechnik, Dienstleistungen und Automatisierungslösungen für die industrielle Verfahrenstechnik. Mit derzeit 107 Gesellschaften ist der Konzern in 46 Ländern aktiv.

1953 durch Georg Endress und Ludwig Hauser  im badischen Lörrach als Vertriebsfirma für ein aus Großbritannien importiertes Füllstandsmessgerät gegründet, begann die Gesellschaft bald selbst mit der Geräteherstellung. Der Legende nach wurde die Firma zunächst aus dem Schlafzimmer heraus geleitet. Im Zuge der Expansion wurde dann ein neuer – und der derzeit größte – Standort im nicht weit entfernten Maulburg aufgebaut. Seit 1968 sitzt die Dachgesellschaft der Gruppe in der Schweiz, seit 2006 in Reinach südlich von Basel. 96% der Aktien des Familienunternehmens befinden sich momentan zu gleichen Teilen im Besitz der acht Kinder des 2008 verstorbenen Gründers Georg Endress, 4% hält die Georg H. Endress-Stiftung. Dem Griff nach Analytik Jena gingen erste vorsichtige Annäherungen an die Biotechnologie voraus. 2011 wurde ein Minderheitsanteil am US-Bioprozesstechnikspezialisten Finesse Solutions Inc. erworben. Finesse stellt Einwegsensoren her, die aufgrund des modularen Designs je nach Kundenwunsch verschieden kombiniert werden können. Parallel zur Akquise von Analytik Jena wurde Mitte 2013 auch der Kauf des US-amerikanischen Unternehmens Kaiser Optical Systems von dessen Mutterkonzern Rockwell Collins vorangetrieben und Ende des Jahres abgeschlossen. Kaiser Optical Systems ist weltweit führend auf dem Gebiet spektroskopischer Messgeräte und angewandter holografischer Verfahren. Hauptprodukte sind unter anderem Raman-Sensoren und -Geräte, welche – so hofft Endress+Hauser – in den „Zukunftsfeldern Energieversorgung, Biotechnologie und Labor-Anwendungen an Bedeutung gewinnen werden“.


Den Labormarkt im Visier
Den nachhaltigsten Auftritt in den Laboren der Welt wird der Konzern aber durch die Übernahme von Analytik Jena hinlegen. Die drei Geschäftsfelder „Analytische Geräte“, „Life Sciences“ und „Optik“ beliefern Kunden aus Medizin, Biotechnologie, Pharmazie, Umwelt und Industrie. Für die Bioanalytik sind Produkte für Probenvorbereitung, DNA-Aufreinigung, PCR, molekulare Diagnostik und Liquid Handling im Portfolio. Die deutsch-schweizer Firma plant aber, zunächst im Hintergrund zu bleiben. Management und Name der Thüringer bleiben vorerst unverändert. Unter dem Dach der Holding soll Analytik Jena als Geschäftseinheit für die Bereiche „Analytical Instrumentation“ und „Life Science“ fortgeführt werden, mit eigenen Strukturen für Produktion und Vertrieb. Nachdem Endress+Hauser im September 2013 47% der Anteile erworben hatte, wurde im März 2014 auch die 50%-Schwelle überschritten. Aufgrund eines Optionsvertrages mit Firmengründer Klaus Berka sowie der Thüringer Beteiligungsgesellschaft bm-t darf Endress+Hauser im Oktober 2014 weitere 27,56% erwerben. Erklärtes Ziel bleibt weiterhin die vollständige Übernahme.

Das Jahr des 60. Firmengeburtstages war auch aus einem anderen Grund richtungsweisend. Nach 18 Jahren an der Spitze der Firma wechselte Klaus Endress in den Verwaltungsrat und übergab die Führung zum ersten Mal an ein Nicht-Familienmitglied. Matthias Altendorf hat jedoch seine Karriere von der Mechanikerlehre an komplett bei Endress+Hauser absolviert. In einem kürzlich erschienenen Interview bestätigte er die auf den Labormarkt ausgelegte Strategie: „Wir möchten neue Geschäftsfelder erschließen und insbesondere in der Laboranalytik stärker werden. In den Laboren werden neue Verfahren entwickelt und angewandt, die später auch in der Produktion der Kunden in Chemie-, Lebensmittel-, Pharma- oder Biotechnologieindustrie genutzt werden.“

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VWR International, LLC aus den USA ist ein international agierendes Handelsunternehmen. Die Umsatzrendite ist im Vergleich zu produzierenden Firmen niedrig. Seit Jahren fährt VWR einen Expansionskurs mit Übernahmen in Europa und Südamerika. Mit 5.000 Zulieferern, 60.000 Kunden und 1,5 Millionen verfügbaren Artikeln kämpft VWR mit Thermo Fisher Scientific um die Vorherrschaft am Markt. Hier musste VWR zum Beispiel 2009 einen Rückschlag hinnehmen, als sich nach 24 Jahren das Massachusetts Biotechnology Council (MassBio) bei der Ausschreibung eine 5-Jahres-Versorgungsvertrags über 250 Mio. US-$ für Fisher Scientific entschied. Grund genug für VWR, die Geschäftsstrategie zu überdenken.

Peqlab

Neben einer stärkeren Fokussierung auf das Endkundengeschäft gehört offenbar auch eine Neuausrichtung der Akquisepolitik dazu. Seit einigen Jahren werden nicht mehr nur reine Vertriebsgesellschaften geschluckt. Zunehmend finden sich darunter auch Hersteller von Biochemikalien und Laborverbrauchsmaterialien. Neuestes Beispiel: die Peqlab GmbH aus Erlangen. Die Wurzeln von VWR liegen im Jahr 1852. John Taylor hatte damals in Sacramento zwar nicht wie beabsichtigt als Goldgräber Erfolg, dafür aber als Verkäufer von Glaswaren für Apotheker und von Chemikalien für Minenbau, Prüfungs- und Laborwesen. Anfang der 1950er Jahre gingen Überbleibsel seiner Firma an VWR (Van Waters & Rogers, Inc.) aus Seattle. VWR selbst wurde 1924 von Georges Van Waters und Nat Stuart Rogers ins Leben gerufen. Die Firma handelte zunächst mit Terpentin und Farben. Die wichtigsten Geschäftsfelder Mitte der 1960er Jahre waren Industriechemikalien, Wissenschafts-, Wäscherei-, Landwirtschafts-und Polstereibedarf. Nach der Fusion mit der United Pacific Corporation entstand die VWR United Corporation. Ende der 1980er wurde der Gemischtwarenkonzern in zwei Teile geteilt. Einer davon vertrieb Ausrüstung und Zubehör für Wissenschaft und Grafik, Textil- und Möbelfertigungsbedarf, elektronische Komponenten und elektromechanische Geräte.

Wachstumsschub mit Übernahme

Bis auf den Laborbereich wurde 1989 alles verkauft. Einen Wachstumsschub gab es schließlich 1995, als VWR die Abteilung Industrie- und Life-Sciences-Chemikalien von Baxter übernahm. Eine entscheidende Rolle spielte damals die deutsche Merck KGaA, die einen Großteil des Preises von 400 Mio. US-$ stemmte und später VWR komplett übernahm. 2001 wurden die US-amerikanische VWR Scientific Products Corp. und die Merck Eurolab-Gruppe zusammengelegt und mit VWR International, Inc. entstand ein globaler Akteur. Statt wie zunächst angedacht an die Börse ging VWR 2004 für 1,68 Mrd. US-$ an das Private-Equity-Unternehmen Clayton, Dubilier & Rice, Inc. Dieses verkaufte VWR 2007 für geschätzte 3,7 Mrd. US-$ an einen anderen Finanzinvestor, Madison Dearborn Partners, dem die Firma noch heute gehört.

Klein- statt Großkunden

Nach dem Verlust des millionenschweren Großauftrags des Life Sciences-Clusters MassBio 2009 begann VWR sich stärker auf das Endkundengeschäft zu konzentrieren. Der Strategiewechsel wurde Mitte 2010 mit der Einrichtung verschiedener Kanäle zum Erfassen von Kundenreaktionen eingeleitet. Außerdem wurden eine jährliche Kundenumfrage initiiert und eigene Handelsmarken ins Sortiment aufgenommen. So sind zum Beispiel Heizblöcke und Filterpapiere unter dem Namen VWR Collection im Angebot. Die Kunden reagierten nach Angaben von VWR positiv. So stieg der Promotorenüberhang, eine Kennzahl für zufriedene Kunden, von Anfang 2012 bis Ende 2013 um 26%. Dennoch musste die Firma in der Zwischenzeit eine weitere empfindliche Einbuße verkraften: Eine großes Pharmaunternehmen ging als Kunde verloren. Parallel zur internen Neuausrichtung kaufte VWR auch kleine Produzenten von Spezialreagenzien auf: 2011 Amresco, Inc. (USA, Molekularbiologie) und Anachemia, Inc. (Kanada, Chemie & Bergbau), 2012 Switch BVBA (Belgien, Zytologie & Histologie) und 2013 United Biochemicals, Inc (USA, Puffer & Aminosäurederivate). Trotzdem: VWR droht, von Thermo beiseitegedrängt zu werden. Zwar sind beide Firmen für den Endkunden praktisch „One-stop-shops“, doch Thermo hat mehr in Eigenregie produzierte Produkte mit höheren Margen im Angebot. Außerdem hat es sich mit der Life Tech-Übernahme Anfang 2013 die Gendiagnostik als neues Geschäftsfeld eröffnet. VWR scheint nun gewillt nachzuziehen. Im Januar 2014 wurde eine Übernahmevereinbarung mit der Peqlab Biotechnologie GmbH abgeschlossen.

Weltweit Vertriebswege eröffnet

Die 1996 gegründete Erlanger Firma macht 70% des Umsatzes mit Geräten, den Rest mit Reagenzien und Verbrauchsmaterialien. „VWR ist gerade wegen der Gerätesparte auf uns zugekommen“, so Peqlab-Chef Reinhold Mischau gegenüber LABORWELT. Peqlab eröffnen sich durch den Verkauf Vertriebswege in die ganze Welt. Gut möglich, dass die Thermocycler und PCR-Arbeitsstationen aus Franken bald in Shanghai und Buenos Aires zum Einsatz kommen. Die Fertigungskapazitäten für einen solchen Auftragsschub seien vorhanden, versichert Mischau. Hersteller ist die zu Peqlab gehörende Clemens GmbH in Würzburg, die seit 1989 PCR-Geräte fertigt. Für VWR ist die Akquise zwar insoweit Neuland, dass auch ein Geräteproduzent ins Haus kommt, doch ein echter Befreiungsschlag sieht anders aus. Gut möglich, dass der Strategiewechsel zu zögerlich angegangen wird. Die Gerüchte, dass VWR und Konkurrent Sigma-Aldrich zusammengehen, um langfristig gegenüber Thermo zu bestehen, werden daher trotz des kleinen Einkaufsbummels in Franken wahrscheinlich nicht verstummen.

© laborwelt.de/ml

Die US-Firma Hamilton hat seit 1966 einen Ableger in der schweizerischen Bergwelt. Damals wurde dem Firmengründer Clark Hamilton im 3.000-Seelen-Örtchen Bonaduz eine ehemalige militärische Truppenunterkunft als Grundlage für seinen Europastandort angeboten. Hamilton schlug ein und heute beschäftigt der Standort mehr als die Hälfte der Belegschaft Unternehmens. Zuweilen wird Bonaduz auch als heimlicher Hauptsitz von Hamilton apostrophiert.

Hamilton Bonaduz

Der Aufschwung wird vor allem durch das Geschäft mit Robotern für den Life-Sciences-Bereich befeuert. Mittlerweile kommen Lösungen für die Automation von Laboraufgaben nicht nur in Pharmafirmen zum Einsatz, sondern auch im akademischen Umfeld. Obwohl die Firma in der Vergangenheit vor allem organisch gewachsen ist, scheut sie gezielten Zukäufe nicht. Erst im Januar stärkte Hamilton seine Sensorsparte mit dem Kauf kapazitiver Biotech-Sensoren von der französischen Firma Fogale. Ende November 2013 vermeldete die Hamilton Bonaduz AG einen Rekordumsatz für das abgeschlossene Geschäftsjahr. Die im bündnerischen Bonaduz sesshafte Firma ist Teil der Hamilton-Gruppe. Diese ist mit 1.500 Mitarbeitern und 40 Niederlassungen und Vertriebsunternehmen global präsent. Geforscht wird am Standort Bonaduz, dem Hauptsitz in Reno im US-Bundesstaat Nevada und in Franklin im US-Bundesstaat Massachusetts. Was Umsätze und Gewinne angeht, hält sich die 1956 gegründete und in Familienbesitz befindliche Firma bedeckt – telefonische Nachfragen werden freundlich aber bestimmt abgeblockt.

Basis des Firmenerfolges war eine Idee des Gründers Clark Hamilton im Jahre 1947. Der Chemieingenieur entwickelte damals die erste Mikroliterinjektionsspritze. Bereits in den 70er Jahren bot die Firma halbautomatische Verdünnungsgeräte an, 1980 kam die erste vollautomatische Arbeitsstation für die Probenaufarbeitung dazu. Inzwischen gehört die Firma den vier Söhnen des Gründers. Treiber der Unternehmensentwicklung war indes vor allem der Schweizer Standort, der relativ eigenständig auftritt. Die Hamilton-Familie soll hier im Gegensatz zu ihren US-Firmen nur begrenzt operativ aktiv sein, heißt es. Aus der Ex-Truppenunterkunft wurde ein weitläufiges Firmengelände. Kaum ein Jahr, in dem keine Erweiterung ins Haus stand. Mittlerweile arbeiten in dem Örtchen am Rhein knapp 850 Mitarbeiter. Um dem wachsenden Platzbedarf gerecht zu werden, plant die Firma 2014 einen weiteren Neubau in Bonaduz. Andererseits wird aber auch in Rumänien expandiert. Dort ist bis 2015 der Aufbau eines Kompetenzzentrums für Billigprodukte geplant.

Zuwachs für die Sensorsparte

Die Hamilton-Gruppe konzentriert sich auf vier Hauptgeschäftsfelder: Der mit Abstand größte Zweig ist die durch Hamilton Robotics bediente Laborautomation. Hamilton Medical kann dem Wirtschaftsbereich Medizintechnik zugerechnet werden, Hamilton Lab & Sensors der klassischen Laborausrüstung und Hamilton Storage Technologies dem Bereich Biobanken. Viele Bereiche werden parallel durch eine der Mutter in Reno zugehörige Firma und einer Tochter der Hamilton Bonaduz AG bedient. Das jüngste Geschäftsfeld der Gruppe sind die Storage Technologies, die auf den Kauf des Geschäftsbereiches Tekcel des Biotech-Spezialisten Magellan Biosciences Anfang 2007 zurückgehen. Der Bereich entwickelt technische Lösungen für das laborinterne Probenmanagement und die Probenlagerung – für Röhrchen und Mikrotiterplatten bestückt mit biologischen oder chemischen Proben. Zentraler Fokus ist der Ultratieftemperaturbereich. Für Hamilton Bonaduz‘ CEO Andreas Wieland damals ein logischer Schritt: „Beide Unternehmen sind in der Automatisierungstechnik für Laboratorien führend. Die Tekcel-Technologie kann dabei wunderbar in unsere Liquid Handling-Arbeitsstationen integriert werden.“

Die Stärkung der Lab & Sensors-Sparte mit den Online-Messtechnologien von Fogale soll vor allem das Biopharma-Geschäft ankurbeln helfen. Seit Anfang Februar führen sie Fogales kapazitive Sensoren und Sensoren zur Messung der optischen Dichte in ihrem Portfolio. Für alle Firmen, die lebende Zellen in ihren Reaktoren überwachen müssen, sind das kritische Parameter. Hamilton Bonaduz sei derzeit der einzige Hersteller, der alle Sensoren zur Kontrolle dieser Kenngrößen in Forschung und Entwicklung, Prozessentwicklung sowie Produktion aus einer Hand anbiete, so ein Firmensprecher. Auch die neu erworbene Einwegtechnologie für Kapazitätsmessungen dürfte beim derzeitigen Boom der Einwegbioreaktoren eine gewichtige Rolle bei der Kaufentscheidung gespielt haben. Finanzielle Details des Geschäfts wurden nicht veröffentlicht.

© laborwelt.de/ml

General Electrics‘ (GE) Division „Gesundheit“ breitet sich seit Jahren auch im Labormarkt aus. Die Ursprünge dieser Abteilung des US-Konzerns aus Fairfield (Connecticut) liegen in der Herstellung von Röntgengeräten, Computer- und Kernspintomographen. Später kamen IT-Dienstleistungen und verschiedene technische Systeme für den Einsatz in Kliniken dazu. Einen markanten Einschnitt stellte 2004 die Übernahme von Amersham dar. Seitdem mischt GE auch auf dem Diagnostik- und Biopharmamarkt mit. Anfang 2014 nutzte GE die sich bietende Chance, das Produktportfolio in diesem Bereich zu vervollständigen. Thermo Fisher Scientific musste im Zuge der Fusion mit Life Technologies aus kartellrechtlichen Gründen unter anderem seine Zellkultursparte verkaufen. GE Healthcare sicherte sich das profitable Geschäft für einen Preis von 1,06 Mrd. US-Dollar.

GE Healthcare, FL

Am Anfang war das Licht. Als der Finanz- und Technikkonzern General Electric Co. 1892 gegründet wurde, gehörte der Erfinder der ersten kommerziell erfolgreichen Glühbirne, Thomas Edison, zu den Vätern. Zubehör für elektrisches Licht wurde damals hergestellt, bald kamen aber so unterschiedliche Produkte wie elektrische Lokomotiven und Tischventilatoren dazu. Heute findet GE zunehmend mehr Gefallen an seiner Healthcare-Division. Die steuerte 2012 zwar nur ein Achtel – immerhin reichlich 18 Mrd. US-Dollar – zum Gesamtumsatz bei, doch Jeff Immelt, Vorstandsvorsitzender seit 2001, glaubt an steigende Umsatzrenditen und Gewinne in diesem Bereich. Erst vor wenigen Wochen ließ er verlautbaren, dass es hier für GE potentiell eine Menge guter Geschäfte abzuschließen gebe.


Ein Geschäft mit zwei Gewinnern

Jetzt ist das erste davon in der Tüte: Thermo Fisher Scientific hatte im vergangenen November die Genehmigung der Europäischen Kommission für die Fusion mit dem US-Biotech-Unternehmen Life Technologies nur unter Auflagen bekommen. Eine zu dominante Marktstellung in den Segmenten Zellkultur-Medien und -Seren, Gene-Silencing-Produkte und polymerbasierte magnetische Beads war den Wettbewerbshütern ein Dorn im Auge. Die in Großbritannien angesiedelte Gesundheitsdivision, GE Healthcare Ltd., nutzte die sich bietende Gelegenheit und erwarb Anfang 2014 für 1,06 Mrd. Dollar diese drei Geschäftsbereiche.
Die magnetischen Beads stärken GEs Stellung im Bereich Proteinanalytik und medizinische Diagnostik. Für die Gene-Silencing-Produkte – darunter auch eine Reihe von Patenten des RNAi-Pioniers Thomas Tuschl – sind hingegen keine Synergien offensichtlich. Kieran Murphy, Chef der GE Healthcare-Unterabteilung Life Sciences, sieht daher vor allem die Zellkultursparte als Schlüsselwert der Transaktion. Er glaubt, dass vor allem GEs Kunden in der Biopharma-Produktion „sofort von zusätzlichen Komplettlösungen profitieren werden, die die Produktausbeute erhöhen und die Zeit bis zum Markteintritt des Produktes verringern helfen werden.“ Der für den überschaubaren Jahresumsatz von insgesamt 250 Mio. US-Dollar stolze Kaufpreis von mehr als 1 Mrd. US-Dollar erklärt sich durch eine Reihe von Interessenten, die sich gegenseitig überboten hatten. Für GE Healthcare war der Kauf jedoch auch eine strategische Entscheidung: Mit Thermos HyClone- Zellkulturmedien und -seren kann die Healthcare-Division ihren Kunden nun maßgeschneiderte Komplettlösungen für Anwendungen der Zellbiologie, Zelltherapie und Biopharma-Produktion anbieten. Nigel Darby, Vizepräsident BioProcess der GE Healthcare-Unterabteilung Life Sciences, schwebt zum Beispiel eine Plattform zur Herstellung monoklonaler Antikörper „von der Stange“ vor. Jetzt sei nämlich nicht nur das Know-how zu Bioprozesstechnik und Downstream-Aufreinigung, sondern auch das Wissen und die Möglichkeiten zur Herstellung von Spezialmedien vorhanden. Mit der PAA Laboratories GmbH aus Pasching/Linz (Österreich) hatte sich GE zwar bereits 2011 einen Medien- und Serenspezialisten einverleibt, doch mit den HyClone-Produkten holt man sich nun weitaus mehr Renommee an Bord. Außerdem werde mit den beiden zusätzlichen Produktionsstandorten in den USA und Asien (Singapur) die globale und zeitnahe Verfügbarkeit der Produkte gewährleistet, so GE.


Life Sciences-Zentrale in Europa

GE Healthcare ist die einzige Division bei General Electric, die ihren Sitz nicht in den USA hat. John Dineen leitet die Geschicke von Little Chalfont (UK) aus. Dort, in der Grafschaft Buckinghamshire, war die Heimat von Amersham plc. 2004 hatte GE Healthcare die britische Firma übernommen und betrat damit Neuland: Mit einem Schlag gehörten Bildgebungsreagenzien (Unterabteilung Medical Diagnostics, Little Chalfont) und Biopharma-Produktion als auch Bioprozesstechnik und Wirkstoffentdeckung (Unterabteilung Life Sciences, Uppsala, Schweden) zum Angebot des Technik-Riesen aus den USA. Dineen strich im Rahmen des Thermo-Deals besonders letztere Sparte heraus: „Der Bereich Life Sciences ist einer unserer stärksten und am schnellsten wachsenden Sektoren.“ Mit 4 Mrd. US-Dollar Umsatz trägt Uppsala ein Fünftel des GE Healthcare-Umsatzes. Macht GE seine Ankündigungen wahr, dürfte die Life Sciences-Einheit in Zukunft noch für tüchtig Bewegung im Labormarkt sorgen.

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Obwohl Agilent Technologies schon seit Jahrzehnten Analyse- und Messgeräte herstellt und unter anderem im Jahr 2000 das weltweit erste kommerzielle Lab-on-a-Chip-System vermarktet hat, schloss die Firma erst mit dem Kauf des Companion Diagnostic-Anbieters Dako zur Spitzengruppe der Life Sciences-Unternehmen auf. Die Kunden aus der Pharmawelt gaben sich in den vergangenen zwei Jahren bei Agilent die Klinke in die Hand. Analysten zufolge könnte das Aktionärsvermögen aber gesteigert werden. Dafür müsse sich der Tante Emma-Laden aber auf die zukunftsträchtigen Gesundheitsbereiche konzentrieren. Ende September erhörte das Management schließlich die Signale: Bis Ende 2014 will Agilent das Geschäft komplett auf Life Sciences, Diagnostik und chemische Analysen ausrichten. Das historisch gewachsene Kerngeschäft soll in eine neue Firma verlagert werden.

© Dako

Agilent Technologies Inc. ist ein junges Unternehmen mit alten Wurzeln. Es wurde 1999 als Spin-off des US-Computer-Konzerns Hewlett-Packard Co. gebildet. Alles, was nicht in irgendeiner Weise mit Rechnern, Druckern oder Speichern zu tun hatte, wurde unter das Dach der neuen Firma aus Santa Clara gepackt. Und das war nicht wenig: Der IPO galt damals als der größte des Silicon Valleys. 

Bewahrer der Traditon

Mit der Aufspaltung kam auch der älteste Geschäftsbereich der 1939 von Bill Hewlett und Dave Packard in einer Garage gegründeten HP zu Agilent, die elektronischen Messgeräte. Erstes HP-Produkt war ein Oszillator, später folgten Spannungsmessgeräte und Frequenzzähler. 1970 wurde HP auf dem Massenspektrometrie-, 1973 auf dem HPLC-Markt aktiv. Letzteres durch die Übernahme der Hupe und Busch GmbH in Waldbronn. Agilent wurde im Jahr 2000 vollständig eigenständig. Die Firma beschäftigte damals 47.000 Mitarbeiter, heute sind es nur noch weniger als die Hälfte davon. Im ersten Jahr wurden 9,4 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet, heute liegt der Umsatz nur bei knapp 6,9 Mrd. US-Dollar. Der Grund: Die Firma kam nach der Abspaltung nicht so recht in Schwung – 2001 folgte eine Entlassungswelle; außerdem erklärt der Verkauf der Medizinprodukte-Sparte an Philips Medical Systems einen großen Teil des Umsatzeinbruchs in den frühen 2000er Jahren. Zwei Drittel des Geschäfts hatte Agilent im Telekommunikations- und Elektronikbereich gemacht – damals wie heute ein stark umkämpftes Segment mit kleinen Gewinnmargen. Als der erste CEO, Edward Barnholt, 2005 nach 39 Jahren bei HP/Agilent in den Ruhestand ging, übergab er eine geschrumpfte aber gesunde Firma. 

Unter dem Nachfolger William Sullivan emanzipierte sich Agilent zunehmend von der Elektroniksparte. 2012 machte sie weniger als die Hälfte des Umsatzes aus. Bei dieser Umstrukturierung kommt gerade den Biowissenschaften eine wichtige Rolle zu. 2011 kaufte Agilent den schwedischen Aufreinigungsspezialisten Halo Genomics und den US-amerikanischen Mikrochromatographie-Anbieter BioSystem Development. Aber erst mit der 2,2 Mrd. US-Dollar schweren Übernahme der Dako Diagnostics A/S im Mai 2012 – der größten M&A-Aktivität Agilents überhaupt – machte die Firma so richtig von sich reden. Dako aus dem dänischen Glostrup war zu 61% in Familienbesitz, als sie 2007 für 980 Mio. Euro an die Private Equity-Gesellschaft EQT V verkauft wurde. Seitdem entwickelte sich der Krebsdiagnostik-Spezialist konstant weiter, schloss Partnerschaften mit Quintiles, AstraZeneca, Roche und Amgen. Trotzdem scheint aber erst der Verkauf an Agilent das volle Potential des Anbieters von Antikörpern und Diagnostik-Tests entfesselt zu haben. So finden sich mit BristolMyersSquibb, Pfizer und Eli Lilly fast alle namhaften Pharmafirmen unter den Kunden Dakos. Agilent erhöhte mit dem Zukauf seine Mitarbeiterzahl auf einen Schlag um 1.000, der Umsatz stieg um 300 Mio. US-Dollar. Zu den drei bestehenden Segmenten gesellte sich die neue Abteilung „Genomik und Diagnostik“. 

Agilent bekennt sich zu Life Sciences

Doch trotz der guten Nachrichten aus den Biowissenschaften kommt die Aktie der Kalifornier derzeit nicht so recht vom Fleck. Andere Firmen aus diesem Bereich wuchsen 10-Mal kräftiger, so Analysten bei Bloomberg. Die Ursache für den Ladenhüter-Status der Aktie sehen einige in der Elektronik-Sparte, die seit zehn Jahren keine Wachstumsimpulse mehr aussenden konnte. Der Umsatz in den Bereichen Chemie und Life Sciences verdreifachte sich hingegen in diesem Zeitraum. Standard & Poors-Analyst Jeffrey Loo erklärte im Frühjahr 2013, dass ein Spin-off der drei Gesundheitsbereiche Interesse bei den Aktionären wecken könne. Dass jene Bereiche auch in Zukunft weiter gestärkt werden sollen, erklärt die Gerüchte, dass Agilent an der Übernahme von Life Technologies interessiert gewesen sein soll. Der Sequenzierungsspezialist wanderte letzten Endes unter die Fittiche von Thermo Fisher. Statt mit Zukäufen besetzte Agilent im September die Schlagzeilen mit einer anderen Meldung: Die von der Börse erhoffte Fokussierung auf die Biowissenschaften soll bis Ende 2014 vollzogen werden. Die Elektroniksparte wird ein weiteres Mal in eine neue – noch namenlose – Firma ausgelagert. Auch wenn die HP-Wurzeln damit zur Verschiebeware werden, die Börse goutierte den Schachzug: Der Aktienwert stieg um 5%.

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26.06.2013 Mit Thermo Fisher Scientific widmen wir uns in dieser Folge wieder dem Unternehmen, mit dem 2010 die Reihe „Labormarkt im Umbruch" begann. In den vergangenen drei Jahren ist im Hause Thermo viel passiert. Die damalige Überschrift „Hungriger Hecht im Karpfenteich" hat auch im Jahr 2013 noch Bestand. Schlagzeilen machte das Unternehmen im Frühjahr, als es einen Bieterwettstreit um die Übernahme des Life-Sciences-Spezialisten Life Technologies Corp. gewann. Damit will Thermo die derzeit lukrativste Sparte Spezialdiagnostik weiter ausbauen und sich für die Ankunft der personalisierten Medizin hübsch machen.

Die BRAHMS AG in Henningsdorf wurde von Thermo 2009 für 330 Mio. Euro übernommen.

Thermo Fisher Scientific hat in den vergangenen drei Jahren unbeirrt seinen Wachstumskurs fortgesetzt. Verglichen mit dem Geschäftsjahr 2009 stieg der Umsatz 2012 um knapp 24%, der Börsenwert kletterte um fast die Hälfte. Dabei setzt CEO Marc Casper wie sein 2009 an die Spitze von Bayer gewechselter Vorgänger Marjin Dekkers vor allem auf Zukäufe. 

Noch im September 2012 bemerkte Reuters, dass sich die M&A-Aktivitäten im Sektor Biowissenschaften auf einem 3-Jahres-Tief befänden. Dass dies im Nachhinein betrachtet nur eine Momentaufnahme war, ist auch Thermo Fisher zu verdanken. Am 15. April 2013 versetzte die Firma die Szene in helle Aufregung. In einer Auktion um den Kauf der Life Technologies Corp. setzte sie sich mit einem 13,8 Mrd. US-$-Angebot durch. Der Weltmarktführer in Sachen Laborausstattung nimmt somit mehr Geld in die Hand als die wohl am besten in der Diagnostik aufgestellte Pharmafirma: Roche bot 6,7 Mrd. US-$ für den Life Tech-Konkurrenten Illumina. Im Gegensatz zu den Schweizern war Thermo jedoch erfolgreich. Im Bieterwettkampf ließ die Ostküstenfirma ein Investorenkonsortium um die Blackstone Group, die Carlyle Group und Singapurs Temasek Holding hinter sich, die etwa 12 Mrd. US-$ locker gemacht hätten. Zu den anderen erfolglosen Interessenten gehörten Sigma Aldrich, Roche und Danaher. Um die Kaufsumme zu stemmen, setzt Thermo nun auch auf die Börse. Anfang Juni wurde bekannt, dass 2,2 Mrd. US-Dollar über eine Neuemission erlöst werden sollen. Dies entspräche etwa der Summe, die Thermo noch zusätzlich zum Kaufpreis zum Ablösen von Life Technologies Schulden aufbringen muss.

Analysten sehen dem Deal mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie befürchten, dass Thermo zu freigebig war. Life Technologies ist mit großem Abstand nur Nummer zwei auf dem Sequenzierungsmarkt – und der Rückstand zu Illumina wird derzeit stetig größer. Immerhin: Die Kalifornier sind auch in den Bereichen Tiergesundheit, klinische Forschung, Forsensik, Lebensmittelsischerheit und Bioproduktion aktiv. Da dürften sich auch unabhängig von Ion Torrent-Halbleitersequenzieren Synergien finden. Wie clever der Schachzug war, wird letzten Endes davon abhängen, ob es Thermo gelingt, Life Technologies neues Leben einzuhauchen. Dass der Laborriese weiß, wie Diagnostik geht, hat er jedenfalls in den vergangenen Jahren durchaus eindrucksvoll bewiesen.

Bereits Anfang 2010 zeigten sich die Ergebnisse einer Shoppingtour durch Europa nach der Thermo mit der Übernahme von Finnzymes (Finnland, keine Bekanntgabe finanzieller Details) und Fermentas (Kanada/Litauen, 260 Mio. US-$) das Geschäft mit PCR-Verbrauchsmitteln gefestigt hatte. Seine Analytik-Sparte stärkte Thermo 2010 mit dem Kauf von Dionex Corp. aus Sunnyvale in Kalifornien. Für 2,1 Mrd. US-$ in Barmitteln komplementierte Thermo damit sein Chromatographie-Portfolio. In einer ähnlichen Liga bewegte sich der Deal mit Cinven, einer Investmentfirma mit privatem Beteilingungskapital. Für satte 3,5 Mrd. US-$ wechselte 2011 das schwedische Diagnostikunternehmen Phadia den Besitzer. Phadia stellt Bluttestsysteme für Allergien, Asthma und andere Autoimmunerkrankungen her. 

Ein drittes Standbein

Diese Akquisition nahm Thermo zum Anlass, ein drittes Berichtssegment einzuführen: Spezialdiagnostik. „Dieser Geschäftszweig hat nun mit mittlerweile 2 Mrd. US-$ Umsatz eine signifikante Größe erreicht“, kommentierte Casper den Schritt damals. Außerdem bemühte sich Thermo Fisher 2011 um die Übernahme des Laborbedarfsspezialisten Millipore, zog aber Merck gegenüber den Kürzeren. Das Folgejahr begann deutlich ruhiger. So folgten einzig Mitte 2012 zwei mittelgroße Übernahmen. Für 175 Mio. US-$ wechselte die Doe & Ingalls Management LLC (Durham, USA) unter das Dach von Thermos Laborbedarf- und Dienstleistungssparte. Für One Lambda aus Kalifornien musste Casper immerhin 925 Mio. US-$ auf den Tisch legen. Spätestens mit der Akquisition des Spezialisten für Transplantationsdiagnostik zeichnete sich ab, dass sich Thermos Fokus mehr und mehr auf das Diagnostikgeschäft richtet. So wuchs der Umsatz in diesem Segment von 2011 auf 2012 um 20%. Die Entscheidung ist nachvollziehbar, denn mit einer Gewinnspanne von knapp 26% hängen die Diagnostikprodukte die beiden anderen Segmente deutlich ab (18,7% Analyseprodukte, 14,1% Laborbedarf). Welche Rolle nach der Life-Tech-Übernahme die Gendiagnostik spielen wird, ist noch unklar. Noch hält sich Thermo bezüglich der fälligen Restrukturierung bedeckt.

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27.03.2013 Obwohl Corning Inc. aus den USA den Löwenanteil seines Umsatzes mit Spezialgläsern für LED-Displays macht, bleibt der Laborbedarf auch weiterhin wichtig für das Unternehmen. Ein Indiz dafür ist die Übernahme der Sparte „Discovery Labware“ von Becton, Dickinson und Co. (BD), die den Mischkonzern zur Nummer 1 für Kunststoffgefäße für die Zellkultur macht. Angekündigt vor einem Jahr, war der Kauf für 730 Mio. US-$ schließlich Anfang November 2012 über die Bühne gebracht.

Behälter, Beschichtungen, Medien – bei Corning alles aus einer Hand

In den Geschäftsberichten der Vorjahre tauchte der Name Becton Dickinson neben Schott, Greiner und Kimble noch als Hauptwettbewerber auf, jetzt ist Corning die Marktbereinigung gelungen und bekannte BD-Marken wie Falcon oder Matrigel gehören zur Corning-Familie. 

Farbkonstante Gläser für die Eisenbahn

Die Wurzeln des US-Unternehmens reichen bis ins Jahr 1851 zurück. In Somerville, Massachusetts, konzentrierte sich der Gründer Armory Houghton mit seinen Söhnen zunächst auf die Produktion von farbkonstanten Gläsern für die Signalanlagen der Eisenbahn. Nach wechselvoller Geschichte – einschließlich eines Umzuges der Firma in die namensgebende Stadt Corning im Bundesstaat New York – produzierte die Firma zunehmend Nischenprodukte aus Glas und Keramik. Als während des Ersten Weltkriegs deutsche Glaswaren für den wissenschaftlichen Bedarf ausblieben, sprang Corning ein. Einen großen Anteil am Erfolg hatte die Entwicklung von Pyrex, einem bleifreien Borosilikatglas. Pyrex-Glas wurde als hitzeresistentes Material für den Einsatz in der Küche vermarktet – und zu Laborwaren wie Röhrchen, Kolben oder optischem Zubehör verarbeitet. In den siebziger Jahren ergänzten Medizingeräte wie pH-Elektroden aus Glas und Blutgasanalysesysteme das Portfolio – und erste Plastikprodukte wurden entwickelt. Spätestens seit der Übernahme der Costar Corp. 1993 ist die Angebotspalette auch bei den Artikeln aus Kunststoff nahezu lückenlos. Das Allzeithoch der Aktie im Jahr 2000 geht allerdings nicht auf die Biomedizin-Sparte zurück: Dank einer Zusammenarbeit mit Siemens unter dem Kürzel Siecor profitierte Corning vom Glasfaserkabelboom um die Jahrtausendwende. Mit dem Abebben des Geschäftes „Optische Telekommunikation“ wandte sich Corning wieder vermehrt der Life Sciences-Sparte zu. 2009 übernahm die Firma für 400 Mio. US-$ die Aktien des kalifornischen Laborkunststoffspezialisten Axygen BioScience Inc., 2010 folgte der Kauf aller Aktien des französischen Laborplastikwarenherstellers Plastiques Gosselin S.A.S., 2011 wurde schließlich der Labormedienproduzent Mediatech Inc. (USA) einverleibt. Seitdem kann Corning erstmals auch Medien für die Zellkultur sowie Reagenzien für Gewebe- und Zellkulturanwendungen anbieten. Für Richard Eglen, Geschäftsführer Corning Life Sciences, gehören Übernahmen in den Biowissenschaften zur Tagesordnung. Die eigene Strategie unterscheide sich aber von der der Konkurrenten: „Wir kaufen strategischer und zielgerichteter“, sagt er.

Das 1-Milliarden-Ziel in Sichtweite

Bei der Akquisition der BD-Sparte intervenierte zunächst die US-Handelskommission. Auf dem Gebiet der gewebekulturbehandelten Kulturgefäße entstünde nach der Fusion ein Monopol, monierte sie. Die auferlegte Bedingung für die Zustimmung: Corning muss bestimmte Aktiva an den Wettbewerber Sigma Aldrich weiterreichen. Nach dem erfolgreichen Abschluss mit BD hat sich Corning nun vier Produktfamilien ins Haus geholt: eine weitere Produktionsschiene für Laborgebrauchsgüter aus Kunststoff, Geräte für die Handhabung von Flüssigkeiten, zellbasierte Assays und Zellkulturprodukte. Der Geschäftsführer und Vorsitzende des Corning-Vorstands, Wendell Weeks, machte klar, dass es in der Sparte Biowissenschaften bei Corning ein solch großes Geschäft noch nie gegeben habe: „Mit Verkaufserlösen von 235 Mio. US-$ wird die Übernahme den Umsatz dieses Corning-Bereichs um 40% ausweiten. Damit kommen wir unserem selbstgesteckten Ziel näher, bis 2014 die Sparte auf 1 Mrd. US-$ an Umsatz auszubauen.“ Auf dem Weg dorthin stellt eine Nachzahlung einen Rückschlag dar – wenn dieser auch eher moralischer als wirtschaftlicher Natur sein dürfte. Der umstrittene Vorwurf, Corning habe 2005 Laborprodukte an Regierungsbehörden zu überhöhten Preisen verkauft, wurde Mitte März gegen die Zahlung von 5,65 Mio. US-$ fallengelassen. 

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